En Sol (Montage rbb)

Mo 07.09.2015

CD

En sol – Musique pour le Roi-Soleil

Glänzende Musik aus einer glanzvollen Epoche - zu viel Glanz?

Bewertung: großartig

Am 1. September 1715 starb in Versailles der französische König Ludwig XIV., nach mehr als 50 Jahren der Alleinregierung. Das ihm zugeschriebene Motto "L‘Etat – c‘est moi!" – "Der Staat – das bin ich!" stand in dieser Zeit für den absoluten Herrschaftsanspruch dieses Regenten, dessen Symbol die goldene Sonne war. Der Wille des Herrschers galt als oberstes Gesetz und bestimmte die Richtlinien in Politik, Wirtschaft und Militär, aber auch in Kultur und Wissenschaft. Am Pariser Hof entfaltete der Sonnenkönig eine luxuriöse Hofhaltung. Die allgemeine Verschwendung für Beamte und Personal, die kostspieligen Bauten, Parkanlagen, Kleidung und Schmuck, die Tafelgelage und nicht zuletzt das Mätressenwesen verschlangen gigantische Geldmittel. Sichtbarstes Zeichen seines Herrschaftsanspruchs ist das unter seiner Ägide erbaute Schloss Versailles.

Tonart des Königs

Als leidenschaftlicher und nicht unbegabter Tänzer besaß die Musik für Ludwig XIV. zentrale Bedeutung. So überrascht es nicht, dass er an seinem Hof die besten Musiker der Zeit um sich scharte. Mehrere Ensembles musizierten zur Ehre des Monarchen und seiner Gäste. Als "Surintendant", also "Oberaufseher", über die Musik fungierte Jean-Baptiste Lully, der durch Genialität und nahezu militärischem Drill eine bis herausragende Orchesterpräzision erreichte.

Die vielgestaltige Musikkultur am Hof Ludwigs XIV. wurde schon auf sehr vielen Einspielungen der unterschiedlichsten Solisten und Ensembles in hoher Qualität gewürdigt. So durchdacht und dramaturgisch klug angelegt wie die neueste Aufnahme von Rebecca Maurer gab es aber schon lange keine Sonnenkönigs-CD. Denn die Cembalistin möchte mit ihrem Spiel eine hochinteressante musikwissenschaftliche These untermauern: Am Hof Ludwigs entstanden auffällig viele Kompositionen in g-Moll, also in sol-mineur, einer Tonart, die in der barocken Tonartencharakteristik als "ernst und prächtig" galt. Sollten diese Stücke in sol-mineur eine besondere Reverenz an den "roi-soleil" sein, war also g-Moll gewissermaßen die musikalische Chiffre des Sonnenkönigs? Das ist zunächst eine gewagte These, der man aber desto mehr Glauben schenkt, je mehr man von Rebecca Maurers CD hört. Ganz offensichtlich ist das bei der "Air d’Apollon" aus dem Ballet de cour "Triomphe de l’Amour" von Jean-Baptiste Lully, die Rebecca Maurer in der Cembalofassung von Jean-Henry d’Anglebert spielt. Die feierliche Vorstellung des Sonnengottes Apollo war gleichzeitig eine Reverenz an den Sonnenkönig – und steht in g-Moll. Aber auch viele andere g-Moll-Stücke auf der CD ohne entsprechenden Titel vermitteln den besonderen Glanz des Königs, zum Beispiel ein Ordre (Suite) von François Couperin, eine Passacaille von Louis Couperin oder das irrwitzig virtuose "Le Vertigo" von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer.

Unbeschreiblich klangschön

Rebecca Maurer ist eng mit diesem französischen Repertoire vertraut, spielt voller Ausdruck, bewältigt scheinbar mühelos die kraftzehrenden virtuosen Passagen und zaubert Verzierungen voller Eleganz und Lebendigkeit. Eine solch außergewöhnliche CD-Dramaturgie verlangt nach einem außergewöhnlichen Instrument, und auch hier hat Rebecca Maurer eine hervorragende Wahl getroffen. Sie spielt auf dem wertvollen Ruckers-Cembalo aus dem Besitz des Musée d’art et d’histoire in Neuchâtel (erbaut 1632 in Antwerpen, 1745 in Paris auf zwei Manuale erweitert). Die Farbigkeit und volltönende Klangschönheit dieses Instruments ist kaum mit Worten zu beschreiben. Alles glänzt golden.

Bernhard Schrammek, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/cd/2015/en-sol.html

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