Antonio Vivaldi: Concerti per due Violini; Montage: rbb

Kammermusik - Antonio Vivaldi: "Concerti per due Violini"

Bewertung:

Dass Amandine Beyer als Barockgeigerin an Vivaldi nicht vorbeikommt, ist klar. Aber sie hat auch ein besonderes Faible für diesen Komponisten – denn dieser Name taucht in ihrer Diskographie häufig auf.

Das hängt vielleicht auch mit dem Gewinn des Vivaldi-Wettbewerbes in Turin zusammen. 2001 hat Amandine Beyer dort den ersten Preis errungen – und in dieser Stadt kann man sich nur mit dem Vivaldi-Virus infizieren. Turin ist Vivaldi-Stadt, denn hier liegt der Großteil seiner Handschriften, in einem großen Schrank in der Turiner Bibliothek, kostbar eingebunden und würdevoll gelagert.

Bei der harmonia mundi france hat die Französin Armandine Beyer mit ihrem Ensemble nun eine Vivaldi-Reihe begonnen – und dieses Album ist das Zweite der Folge: Concerti per due Violini. Sie spielt zusammen mit einem anderen Barock-Fan, der schon häufig mit ihr in Konzerten musizierte: der Italiener Giuliano Carmignola.

Zu wenig bekannt?

Das wird sich, das muss sich ändern. Gli incorgniti ist ein Kammerorchester von zehn Musikern, das im Jahr 2006 das erste Mal mit seiner Gründerin, der Geigerin Amandine Beyer, auftrat. Seitdem ist das Ensemble für Alte Musik höchst erfolgreich auf dem einschlägigen Parkett unterwegs.

Ihre Spielfreude überträgt sich nicht nur bei Konzerten auf das Publikum, sondern auch auf die Hörer der CD. Es ist ein einhundertprozentig gemeinsames Spiel – und Gegenspiel. Da fliegen die Fetzen, und das auf erfreuliche, musikalische Art und Weise.

Amandine Beyer, Violine; Foto: © Oscar Vazquez
Amandine Beyer; © Oscar Vazquez

Die Geigerin Amandine Beyer

Sie ist Jahrgang 1974, zu ihrer Studienzeit war die Bewegung "Alte Musik" voll und ganz ausgeprägt und längst aus dem Stadium des "zu ergründenden Experimentierfeldes" heraus.

Amandine Beyer hat sehr früh für sich erkannt, dass sie gern zu einer Barock-Geige greifen möchte – nach dem Geigenstudium in Paris sattelte sie in Basel mit der Barockgeige auf und fand sofort Einzug in die Szene. Zuerst spielte sie in den einschlägigen Gruppen mit (Café Zimmermann, Le Concert Français), gründete kleinere Ensembles mit, bis sie dann – in logischer Folge – das eigene Ensemble formierte. Inzwischen ist sie selbst Professorin, reist, spielt und kann ihr Wissen weitergeben.

Sieben aus 50

Vivaldi hat rund 50 Konzerte für zwei Violinen hinterlassen. Sie hat daraus sieben ausgewählt. Warum? Das kann man nur mutmaßen – ein spezielles Motto für die CD gibt es nicht. Aber man kann mutmaßen: Beyer und Carmignola haben einige der Konzerte schon vielfach vor Publikum gespielt – und so liegt es nahe, diese auf der Bühne erprobten Werke, auch einzuspielen.

Wie gern Beyer dabei mit Carmignola zusammen spielt, schreibt sie auch im Booklet – in einem kleinen Text, der zwischen einer musikalischen Liebeserklärung an Vivaldi und einer an Carmignola changiert.

Vivaldis Konzerte für zwei Violinen

Vivaldi hat viele Konzerte für sein venezianisches Mädchenorchester komponiert, um immer wieder eine Solistin hervorzuheben, oder eben auch zwei. Aus welcher Motivation heraus sie entstanden sind – darüber existieren verschiedene Theorien. Eine besagt, dass er die Konzerte so komponierte, dass sie als Unterrichtsmaterial dienen konnten. Man darf sich eine Schülerin vorstellen, die mit ihrem Lehrer zusammen die Partie erarbeitete, nach dem Motto: Ich mach dir das vor – und du machst mir das dann nach.

Eine andere Theorie besagt, dass Vivaldi mit diesen Konzerten eine erfahrene Solistin mit einer "nachwachsenden Kraft" kombiniert hat, sodass sich die neue Solistin musikalisch an die Versen einer versierten Kraft heften konnte, als Training sozusagen. Wie viel leichter fällt es einem jungen Mädchen, sich an der Seite einer Freundin vor ein Publikum zu stellen?

Wieder ein Vivaldi-Album? Aber ein lohnendes!

Wie schwer ist es, ein tolles Album vorzulegen – und dann das Niveau zu halten. Nach der Veröffentlichung der ersten CD der neuen Reihe überschlugen sich die Kritiker, es folgten Preise und Auszeichnungen. Dieses Niveau wird auch auf dem zweiten Album gehalten.

Hier ist jede musikalische Redewendung einwandfrei ausformuliert – die kleinsten Schattierungen sind herausgearbeitet. Besonders schön ist das in den langsamen Sätzen zu erleben. Das Tutti des Kammerorchesters erscheint als geschlossene Einheit, ein gemeinsamer Atem ist zu spüren, das kommt aus einem Guss. Und daraus erwachsen dann die Solopassagen. Das klingt nicht nach aufgesetzter Dekoration, sondern die beiden Stimmen erheben sich organisch aus der Klangwelt des Gemeinsamen.

Das Ensemble scheint auch in jedem Vivaldi-Satz eine Geschichte zu erzählen, so spannend ist das artikuliert. Man bleibt den Musikern bis zum Schluss an den Bögen hängen, weil man wissen möchte: wie geht das weiter, wohin entwickelt sich das?

Das ist offenbar mikroskopisch genau erarbeitet. Und auf Grund dieser sicheren Erarbeitung können alle zusammen ganz frei heraus spielen. Das ist wie ein Schlittschuhlauf: Die Balance ist genauestens erprobt – und aus dieser Sicherheit heraus gelingen dann die Pirouetten und Sprünge, als ob es das Leichteste der Welt sei.

Und gefühlsmäßig landet man dann ganz verklärt in Venedig. Wie ein Sog kann einen die Musik fangen. Als Hörer möchte man davon nicht mehr lassen.

Cornelia de Reese, kulturradio

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