Alexis Weissenberg: The Complete RCA Album Collection; Montage: rbb

Klavier - Alexis Weissenberg: The Complete RCA Album Collection

Bewertung:

Alexis Weissenberg galt als einer der Lieblingspianisten von Herbert von Karajan. Er war einer der wenigen, mit denen der Dirigent in Berlin Klavierkonzerte aufnahm. Ist er wirklich so wichtig?

Mit der maschinenhaften Brillianz seines Spiels, einem scharf geschliffenenen, vektorhaften Futurismus, akzentuierte er das Motorische, zuweilen kalt Mechanische seines Instruments. Es war eine Tendenz, die kurz darauf von den Italienern, allen voran von Arturo Benedetti Michelangeli und Maurizio Pollini weiterverfolgt wurde.

Weissenberg indes behandelte das Klavier noch radikaler: fast als wär's ein Maschinengewehr. Das kommt der Hölleneinflüsterung in Prokofievs "Suggestion diabolique" teuflisch zugute. Aber auch bei Chopin und Rachmaninoff (dessen Spieltradtion Weissenberg in gewisser Weise fortsetzte) macht es konsequenten Sinn.

Amerikanisch stromlinienförmig

Die frühen Aufnahmen von Alexis Weissenberg, der vor fünf Jahren starb und einer der Lieblings-Pianisten von Herbert von Karajan war, zeigen den bulgarischen Künstler im Vollbesitz seines Genies – und seiner legendären Streitbarkeit.

Geboren in Sofia, war die Familie Weissenbergs den jüdischen Pogromen in ihrer Heimat nur sehr knapp nach Palästina entronnen. Hier hörte Leonard Bernstein den jugendlichen Weissenberg, und empfahl ihn nach New York.

An der Juilliard School vervollkommnete er seine Ausbildung unter anderem bei Arthur Schnabel (auch Weissenbergs Lehrer in Bulgarien entstammte der deutschen, genauer: der Berliner Schule). Horowitz sah in Weissenberg einen seiner wenigen Nachfolger.

So mag das amerikanische Profil, das sich Weissenberg in Gestalt der aerodynamischen Überschall-Qualitäten seines Spiels zulegte, durchaus mit ein Grund gewesen sein für Attraktivität, die er für Karajan gewann. Für einen Dirigenten also, der stets bewundernd nach Amerika blickte, gerade weil es ihm nie gelang, dort künstlerisch Fuß zu fassen.

Alexis Weissenberg; Foto: © SONY
Alexis Weissenberg; © SONY Classical

Anlass zum Staunen

Nach dem verfrühten Ende seiner Karriere lebte Weissenberg, der an der Parkinsonschen Krankheit litt, in Lugano (wo auch Arturo Benedetti Michelangeli gestorben ist). Die technisch überragenden, energetisch pulsierenden und polarisierenden, völlig unverwechselbaren Aufnahmen seiner frühen Jahre (1949 bis 1969, rund um die zehnjährige Auftrittspause, die sich Weissenberg von 1956 bis 1966 zu Studienzwecken verordnet hatte), geben Anlass zum Staunen. Und dazu, das Bild dieses ebenso radikalen wie grandiosen Pianisten zu revidieren.

Kai Luehrs-Kaisers, kulturradio

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