Leo Borchard: Telefunken Recordings 1933-1945; Montage: rbb

Berliner Philharmoniker - Leo Borchard: Telefunken Recordings 1933-1945

Bewertung:

Rare Aufnahmen mit Sensationswert

Von Leo Borchard (1899-1945), dem oft unterschlagenen ersten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker nach dem Krieg, waren bislang vor allem die wenigen Nachkriegsaufnahmen greifbar, die Borchard während seiner nur achtwöchigen Tätigkeit 1945 machen konnte (also kurz bevor er überraschend starb). Borchard wurde beim irrtümlichen Überfahren der amerikanischen Sektorengrenze am 23. August 1945 von einem Soldaten erschossen – ein Vorfall, der nicht ohne allgemeinen Folgen blieb. Als Konsequenz wurden unübersehbare Checkpoints errichtet, um derartige Zwischenfälle fortan zu vermeiden.

Politisch unbelastet

Borchard, der als Widerstandskämpfer innerhalb der Gruppe "Onkel Emil" gegen die Nazis konspiriert hatte, war 1945 vom Magistrat nicht zuletzt deswegen zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ernannt worden (während sich Furtwängler in der Schweiz aufhielt), da er zu den wenigen, politisch unbelasteten Dirigenten zählte.

Schon von 1933 bis 1935 hatte er für die Telefunken eine Reihe von Schallplatten-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern gemacht, die auf dieser CD erstmals wiederveröffentlicht werden. Es handelt sich um oft satzweise wiedergebene Werkausschnitte von Mendelssohn, Boccherini, Grieg, Delibes und Haydn, außerdem (diese Ausschnitte waren teilweise bereits zu haben:) "Wotans Abschied" aus Wagners "Walküre" (mit dem damals bekannten Bariton Hans Reinmar) und Tschaikowskys "Nussknacker"-Suite.

 

Stilistische Alternative

Das bunte Repertoire ist kein Zufall. Es entsprach Borchards damaliger Zuständigkeit für die "Populären Konzerte" bei den Berliner Philharmonikern. Dies war eine Reihe, die unter den Nazis bald wieder aufgegeben wurde, um das nunmehrige "Reichsorchester" für steilere politische Aufgaben und Repertoirefelder in Stellung zu bringen. Umso interessanter sind die hier dargebotenenen Aufnahmen. Sie bilden durchaus eine stilistische Alternative zum damals schon länger als ein Jahrzehnt amtierenden Furtwängler.

Ernüchterter, geschliffener Stil

Borchard, im Unterschied auch zu seinen Nachkriegsaufnahmen, favorisiert hier, in den 30er Jahren, den klanglich etwas ernüchterten, geschliffenen Stil einer neusachlich verbürgerlichten Zivilgesellschaft. Genau dies – als Alternative zum gewitternden, auf Erschütterung angelegten Furtwängler-Stil – macht die Originalität, ja den Sensationswert dieser raren Aufnahmen aus.

Als Sohn deutscher Eltern in Moskau geboren, hatte Borchard unter anderem bei Hermann Scherchen das Dirigierhandwerk gelernt. Unter ihm, so könnte man denken, hätte sich auch bei den Berliner Philharmonikern ein Stil etablieren können, wie ihn ähnlich Kurt Sanderling einige Jahre später in Ost-Berlin mit dem Berliner Sinfonie-Orchester (heute Konzerthausorchester) in die Tat umsetzte. Dass die Berliner Orchestergeschichte, und zwar schon vor dem Krieg, keineswegs monokausal verlief – sondern Alternativen enthielt zu jenem sehr deutschen, wagneresken Stil, der rückblickend gern als der beherrschende dargestellt wird –, für diesen Nachweis sind die Aufnahmen von überragender Bedeutung.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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