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Solistin - Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten Vol. 6 mit Angela Hewitt

Bewertung:

Sie ist leider nicht so oft in Berlin: die kanadische und nun in Italien lebende Pianistin Angela Hewitt. Sie gilt als Bach-Spezialistin, mit seinen Werken hat sie ihre Karriere begonnen, und momentan ist sie mit einem großen Bach-Projekt weltweit unterwegs. Aber auf Bach ist sie nicht zu reduzieren. Auch ihre Beethoven-Gesamteinspielung verfolgt sie nach wie vor, nun ist ihre sechste Beethoven-CD erschienen.

Hundert Prozent Ausdruck

Dabei hält Hewitt nichts von einer Chronologie bei ihrer Gesamteinspielung. Sie kombiniert gern frühere Sonaten mit späteren – das ist für Hörer und Pianistin auch viel spannender, weil man durch diesen Mix ein größeres Komposition-Spektrum kennenlernt: den früheren und den späteren Beethoven.

Wir haben auf dem Album Sonate Nr. 9, dann die Sonaten, die Beethoven wahrscheinlich für nicht ganz so fortgeschrittene Spieler geschrieben hat, die Sonaten Nr. 19 und 20, dann die Nr. 16 und 26. Die zuletzt genannte ist jene Sonate, die den Namen "Les adieux" trägt. Die Entstehungsgeschichte blättert Angela Hewitt, die ihre Booklettexte selbst verfasst, kenntnisreich auf. Und wenn sie zum Schlusssatz der Sonate schreibt: "Die Rückkehr seines Freundes lässt Beethoven mit der Begeisterung und Energie eines jungen Hundes herumtollen.", dann entspricht ihr Spiel voll und ganz diesem entworfenem Bild. Hier verzeiht man Hewitt auch ganz kleine Ungenauigkeiten in den Läufen, aber es bleibt bei hundert Prozent Ausdruck.

Flügelwahl

Hewitt spricht immer wieder über ihren Flügel. Das ist keine Werbung, sondern verdeutlicht ihr Klangideal. Sie ist mit der italienischen Manufaktur Fazioli im engen Kontakt und entwickelt die Instrumente mit. Besonders schätzt sie den feinen Anschlag der Flügel, der sehr leichtgängig ist und daher auch den Beethoven-Instrumenten nahe kommt, denn zu dieser Zeit waren die Tasten der Flügel sehr leichtgängig. Und Hewitt sucht nicht den romantischen, breiten Klang, den mancher Pianist bei Steinway oder Bechstein findet, sondern die Brillanz in den Höhen – und die kostet sie wunderbar aus.

Hewitts Beethoven

Hewitt will nicht mit Gewalt anders spielen; man könnte durchaus zu recht von "Werktreue" sprechen. Aber man hört sofort ihren eigenen Weg zu dieser Musik. Nicht exzentrisch, aber es sind ihre eigenen Nuancen, die überzeugen. Ein Blick auf den Beginn des zweiten Satzes der Sonate "Les Adieux", der die Abwesenheit eines Freundes verarbeitet, kann dies verdeutlichen. Rudolf Buchbinder, Wiener Pianist und ebenso anerkannter Beethoven-Kenner, verdeutlicht in seiner Interpretation die Leere, die sich ohne den Freund auftut. Die Musik scheint stehen zu bleiben, Trostlosigkeit, Vereinsamung und Verlorenheit machen sich breit.

Angela Hewitt spielt das flüssiger, traumverlorener, hier scheinen die Gedanken an dem Freund zu hängen – allein die Gedanken an den Freund bringen Licht in die Einsamkeit. Zwei absolut gültige Lesarten, beide toll und gleichermaßen authentisch gespielt. Bei Hewitt ist ein ewiger Fluss in der Musik zu spüren – sie als ehemalige Ballett-Tänzerin und Geigerin bringt da einen ihr ganz eigenen Strom in die Musik. Und das gilt auch für ihre Beethoven-Interpretationen insgesamt.

Cornelia de Reese, kulturradio

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