Montage: rbb
Bild: Montage: rbb

Orchester - Brahms: "The Piano Concertos"

Bewertung:

Rudolf Buchbinder hat die beiden Brahms-Konzerte neu eingespielt, zusammen mit den Wiener Philharmonikern unter Zubin Mehta. Live aufgenommen im goldenen Saal der Wiener Philharmoniker. Als Buchbinder im März 2015 den Saal für die Live-Aufnahme betrat, traten vor allem die goldenen Frauenfiguren optisch in den Vordergrund und er akustisch als Solist der beiden Brahms-Konzerte.

Aufnahme, die Dritte

Buchbinder hat insgesamt drei Mal die Konzerte eingespielt. 1998 in Amsterdam mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester unter Nikolaus Harnoncourt, 2010 mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta und nun 2015 erneut, vor einigen Wochen erschienen, wieder mit Zubin Mehta, aber dieses Mal in seiner Heimat, in Wien, mit den Wiener Philharmonikern.

Die Brahms-Konzerte sind Riesenbrocken, jedes Konzert dauert rund 45 Minuten – Buchbinder vergleicht jeden Abend, an dem er eines der Brahmskonzerte spielt, als Bergbesteigung, an deren Ende, wie er sagt, "ein unendliches Glücksgefühlt steht."

Keine brillanten Virtuosen-Konzerte

Diese Werke brauchen einen Virtuosen, aber einen, der auf seinen Selbstdarstellungstrieb verzichten kann. Diese Konzerte liegen technisch auf der obersten Latte, teilweise sind sie an der Grenze des Machbaren, und das Gemeine daran: man hört das nicht unbedingt. Somit fallen die Konzerte unter die Kategorie "undankbare Konzerte".

Man braucht für diese Konzerte einen "Pianisten/innen-Typus", der bereit ist, sich voll und ganz HINTER Brahms zu stellen. Virtuosentum sieht anders aus, da stellt der Pianist dar, was er persönlich den Konzerten abgewinnen kann – bei Werken von Chopin funktioniert das hervorragend, bei Liszt oder Rachmaninow.

Bei Brahms funktioniert das eben nicht. Hier ist der Klavierpart nicht nur Soloinstrument, sondern auch Teil des Orchesters, wird manchmal akustisch zugedeckt von den anderen Instrumenten. Mit Recht werden die Konzerte auch als "Sinfonie mit obligatem Klavier" bezeichnet. Der Solist ist also nicht nur Solist, sondern auch Orchestermitglied und Kammermusikpartner – und das in einem Werk.

Buchbinder und Brahms

Wer diese Konzerte gleich drei Mal aufnimmt, dem liegen sie am Herzen, denn dafür muss man sich kraftvoll entscheiden. Und Buchbinder hat sich mit der neuen Aufnahme einen Gefallen getan, denn hier ist er nun in einer pianistischen Situation, einfach loslassen zu können – er hat alles gespielt, er kennt jeden Ton, jede "gemeine Ecke" des Stückes… Aber er muss nicht mehr auftrumpfen, es allen beweisen, und im Booklet schreibt er auch, dass er mit seinem ganzen Wissen und Können zu einer "künstlerischen Naivität" zurückgefunden hat – und das merkt man.

Bei der Harnoncourt-Aufnahme, gerade am Beginn des dritten Satzes des ersten Konzertes, ist ein stark disziplinierter Pianist zu hören, der alles genau macht, exakt spielt, fast "abarbeitet". Und davon, von diesem Sicherheitsspiel, hat sich Buchbinder entfernt bei seiner neuen Aufnahme. Das klingt befreiter, als ob Buchbinder ganz bei sich sei. Auf der einen Seite die unbedingte Werktreue, und doch bewegt sich der Pianist auf so sicheren Pfaden, dass er sich gestattet, nicht auf jeden Stein auf dem Weg achten zu müssen, sondern den Blick in die Ferne schweifen lassen kann – das Ganze im Blick haben kann. Und Buchbinder ist auch musikalisch keine Selbstdarsteller-Persönlichkeit. Er kann einen befreiten, wie er sagt "naiven" Blick auf die Musik richten.

Mit den Wiener Philharmonikern – ein Heimspiel

Diese Konzerte funktionieren nur in enger Abstimmung mit dem Orchester. Und ich glaube – Buchbinder ist bei den Wiener Philharmonikern wirklich zu Hause. So viele Konzerte, die er mit ihnen gespielt hat. Und der Dirigent Zubin Mehta ist sowieso ein guter Freund des Pianisten, so dass für alle eine musikalische Geschlossenheit möglich ist – Vertrautheit auf allen Seiten, eine gute Wahl! Das Orchester umarmt Buchbinder, mal fest, mal lockerer, aber immer im Sinne von Brahms.

Buchbinder hat uns mit dieser Brahms-Box sehr schöne Aufnahmen geschenkt. Wahrscheinlich muss man diese Konzerte so viel gespielt haben, damit man sich diese Werke zutraut, sie sich selbst gönnt, wie ein Stück dunkle Schokolade. In seiner dritten Brahmseinspielung fühlt sich Buchbinder hörbar wohl. Die Bergbesteigung ist geglückt, die Aufnahmen von Leonskaja oder Gilels sollten dennoch nicht aus dem Regal genommen werden.

Cornelia de Reese, kulturradio

Weitere Rezensionen