Giovanni Battista Pergolesi: Adriano in Siria (Montage: rbb)
Bild: rbb

Opera seria - Giovanni Battista Pergolesi: "Adriano in Siria"

Bewertung:

Der Name Giovanni Battista Pergolesi hat einen guten Klang – er gehört zu den  bewunderten italienischen Komponisten des 18. Jahrhunderts – vor allen sein Stabat mater ist weltberühmt. Aber Pergolesi hat auch große abendfüllende Opern geschrieben – von denen man allerdings selten etwas hört – jetzt ist bei der Decca "Adriano in Siria" erschienen.

Pergolesi  ist nur 26 Jahre alt geworden, sein Gesamtwerk entstand innerhalb von nun fünf Jahren in den 1730er Jahren. Und man kann ihn ohne Übertreibung als den Stürmer und Dränger der Opernszene im 18. Jahrhundert bezeichnen. Er konnte diesen sonderbaren Kunstfiguren der barocken Oper wirklich etwas abgewinnen und sie musikalisch zu echten Menschen formen. Er war seiner Zeit mindestens um 20 bis 30 Jahre voraus. Tatsächlich klingen seine Opernarien mitunter fast schon wie Jommelli oder Gluck.

Nur vier große Opern hat er hinterlassen. "Adriano in Siria" ist die dritte. Die Text-Vorlage stammt vom berühmten Pietro Metastasio – allerdings wurde sein klassisches Libretto so extrem verändert, dass man hier nicht mehr von einer Autorschaft sprechen kann. Die Veränderungen – es wurden viele Arien ausgetauscht – entsprachen wohl eher aktuellen Sängervorstellungen als dem Reformwillen des Komponisten, sind aber trotzdem von Vorteil.

Auch schon früher hat es den Versuch gegeben, "Adriano in Sira" zu reanimieren, 1980 etwa in Frankreich und 1986 in Italien – aber inzwischen haben wir natürlich unendlich viel dazugelernt, was den Barock angeht. Zwischen 1986 und heute liegt die große Händel-Renaissance, und natürlich ein enormer Zuwachs an Verständnis der alten Musik, so dass hier mit dieser Decca-Einspielung der erste wirklich ernstzunehmende Versuch vorliegt, Pergolesis Meisterwerk wieder einem großen Publikum zugänglich zu machen.

Ausgeklammert habe ich hier die zwar reizenden, aber oft kleiner besetzten Produktionen des Pergolesi-Theaters in Jesi, wo das z.B. Werk auch 2010 erschien – eine DVD ist im Handel erhältlich.

Fehlbesetzung?

Bei der Premiere in Neapel 1734 war mit einigen der besten Sänger der Ära besetzt, nicht zuletzt mit dem Starkastraten Caffarelli in der Rolle des Farnaspe. Caffarelli hatte einen solch gigantischen Stimmumfang, dass er nicht durch einen Countertenor ersetzbar ist. Die Höhen Franco Fagiolis klingen denn auch etwas angestrengt, während die tiefen Register ebenso erwartungsgemäß gut funktionieren.

Sieht man von der generellen Unzulänglichkeit von Countertenören in Kastratenpartien ab, meistert Faglioli seine extrem schwere Rolle aber ausgezeichnet! Paradoxerweise überzeugt er mich in den virtuosen Momenten sogar mehr als während der stimmungsvollen Adagio-Passagen, etwa der gewaltigen getragenen Arie, die den 1. Akt beschließt – da gibt es samtigere Counter wie Sabadus oder Mehta.

Pergolesi hat hier genau einen Kastraten vorgeschrieben, nämlich die Rolle des Farnaspe; Adriano selbst sollte ausdrücklich von einer Frau gesungen werden. Die Decca besetzt diese Partie auch noch mit einem Falsettisten. Für mich eine Fehlentscheidung und ein Tribut an unsere viel zu Countertenor-verliebte Zeit, die zwar einigen Fans die Stunden versüßt, vielen Barock-Enthusiasten das 21. Jahrhundert aber als düstere Epoche der schrillen Männerstimmen vergällt.

Wohlgemerkt – die Kritik richtet sich nicht gegen den Counter Yuriy Mynenko, denn der ist gar nicht so schlecht in der Adriano-Rolle. Wohl aber gegen eine Besetzungspolitik, die in den letzten Jahren eindeutig übertreibt mit der grässlichen Counter-Mode. Als gäbe es keine exzellenten Mezzosopranistinnen!

Exzellente Besetzung

Jetzt kommt das große Aber! Nimmt man diese Mode zähneknirschend und leidgeprüft als gegeben hin, kann man hier wirklich von einer gelungenen Aufnahme sprechen. Die Nicht-Counter (so muss man die Restbesetzung bei der heutigen Omnipräsenz der Counter leider schon nennen, wenn man eine Barockoper bespricht) sind wirklich phänomenal. Besonders der Tenor Juan Sancho ist hervorzuheben, wie auch die geradezu atemberaubend sichere Sopranistin Dilyara Idrisova.

Jan Tomasz Adamus dirigiert die Capella Cracoviensis mit viel Feuer und Gespür für die großen lyrischen Momente. Die obligaten Instrumente klingen superb.

Matthias Käther, kulturradio

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