Chopin: Klavierkonzert Nr. 1 & Balladen; Montage: rbb
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Klavier - Chopin: "Klavierkonzert Nr. 1 & Balladen"

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2015 setzte sich Seong-Jin Chon beim Chopin-Wettbewerb gegen 445 Kontrahenten durch - so viele wie noch nie. Jetzt ist seine erste Solo-CD erschienen.

In seiner Heimat ist Seong-Jin Chon ein Star, denn er ist der erste aus Südkorea stammende Sieger  des renommierten Chopin-Wettbewerbs. Aufgewachsen in Seoul, studierte er bei Michel Beróff in Paris und holte sich musikalische Beratung bei  Myung-Whun Chung  und Mikhail Pletnev. Er hatte bereits zwei dritte Plätze belegt beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau und dem Artur-Rubinstein-Wettbewerb i n Tel Aviv. Ein Sieg stand bislang aus.

Chopin-Wettbewerb populärer denn je

Im Jahr 2015 setzte er sich beim Chopin-Wettbewerb gegen 445 Kontrahenten durch - so viele Pianisten wie noch nie hatten sich für das Turnier angemeldet. Auffallend war die  Überzahl an Bewerbern aus Japan, China und Südkorea, die selbst die Anmeldungen aus dem Heimatland des Wettbewerbs übertraf. Neu war 2015 die Möglichkeit, die Punktevergabe der Jury-Mitglieder einzusehen. So war es allbekannt, dass es bis zur Finalrunde ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Chu und dem Kanadier Charles-Richard Hamelin gab. Erst die Darbietung des 1. Klavierkonzertes sicherte ihm den nötigen Vorsprung vor dem Kanadier, der sich für das zweite, weniger  artistische Klavierkonzert in f-Moll entschieden hatte. Das Preisgeld von 30.000 Euro für den Sieg und der Plattenvertrag waren damit nach Südkorea gegangen. Nun ist der zweite Teil des Gewinns mit der Einspielung von Chos erster Studio-CD realisiert worden. Natürlich mit Werken von Chopin.

Chopin, Chopin, Chopin …

Eröffnet wird die CD mit dem 1. Klavierkonzert e-Moll, op. 11, Chos Siegerstück.  Es ist ideal, um die Beherrschung pianistischer Höchstleistungen unter Beweis zu stellen. Durch seine technischen Ansprüche eine kraftraubende Herausforderung für jeden Solisten. Diesem Konzert stellt Cho die vier Balladen zur Seite – Stücke, die auf den "Litauischen Balladen" von Adam Mickiewicz basieren – ein literarischer Bezug also, der  für das Chopinsche Oeuvre sehr ungewöhnlich ist. Alle Stücke haben breiten erzählerischen Charakter.

Atemberaubende Technik und lyrisch-luftiges Parfum

Seong-Jin Cho verfügt über eine Technik, die über jeden Zweifel erhaben ist. Hier sitzt jeder Ton, von hörbaren Anstrengungen kann keine Rede sein.

Im 1. Klavierkonzert sind die Klänge zwischen dem Solisten und dem Orchester hervorragend ausbalanciert, Gianandrea Noseda, ein versierter Operndirigent, versteht es, dem Solisten eine klangliche Bühne zu bereiten, ihn zu unterstützen und zu ergänzen, mit einen runden, warmen, sanglichen Ton in Dialog zu treten. Ideal für Cho, der einen luftigen, dezenten Klang ohne extrovertierte Ausbrüche favorisiert.

In den  Balladen ist Cho auf sich gestellt: Auch hier bezirzt sein weicher, sanglicher, intimer Anschlag. Doch in manchen Fällen fehlt noch die schlüssige Vermittlung der dem Stück übergeordneten Idee. Der rote Faden gerät bei den zweifelsohne mit feinem Pinsel gemalten Details bisweilen aus dem Fokus. Sicher ist es seiner Jugend – er ist 22 Jahre - zuzuschreiben, dass man den schaudernden Blick in die Abgründe  und das melancholische Element vermissen mag.

Derzeit spielt Cho sehr viele Konzerte – wunderbar, dass er nach dem Turniersieg und der Veröffentlichung seiner ersten Studio-CD so gefragt ist.  Bleibt zu hoffen, dass er die nötige Zeit hat, um künstlerisch zu reifen und er nicht nur als Sieger des 17. Chopin-Wettbewerbs in die Klavier-Annalen eingehen wird.

Silke Mannteufel, kulturradio

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