Jermaine Sprosse: Der Clavierpoet; Montage: rbb
Bild: dhm / SONY

Alte Musik - "Der Clavierpoet"

Bewertung:

Großartige Stücke mit vollendeter Technik präsentiert: Der junge Cembalist und Pianist Jermaine Sprosse hat sich der Werke von Friedrich Wilhelm Rust angenommen.

Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau meinte es Mitte des 18. Jahrhunderts gut mit seinem hoffnungsvollen Nachwuchsmusiker Friedrich Wilhelm Rust: Er ließ ihn von den besten nur denkbaren Lehrern unterrichten und scheute dafür keine Kosten.

Auf diese Weise erhielt Rust schon in jungen Jahren eine weitreichende Ausbildung unter anderem bei Wilhelm Friedemann Bach in Halle, bei dem Geiger Carl Höckh in Zerbst, bei Carl Philipp Emanuel Bach und Friedrich Benda in Berlin sowie später noch bei Giuseppe Tartini in Padua und Giovanni Battista Martini in Bologna.

Aus eigenem Interesse

Natürlich unterstützte der Fürst diese kostspieligen Studien auch aus eigenem Interesse, wollte er doch Rust zum führenden Musiker seines kleinen Territoriums aufbauen. Und Rust enttäuschte ihn nicht.

Nach seiner Rückkehr aus Italien baute er in Dessau systematisch ein gut organisiertes und hochqualitatives Musikleben auf. Er führte regelmäßige Abonnementskonzerte ein, war Mitgründer des Theaters, unterrichtete zahlreiche Schüler und komponierte in nahezu allen zeitgenössischen Gattungen.

Dank Rust wurde die kleine Residenzstadt Dessau damals in einem Atemzug mit Zerbst, Weimar oder Dresden genannt. Da Rust allerdings nur wenige seiner Werke im Druck veröffentlichte, gerieten seine Kammermusik, seine Bühnenwerke und Kantaten und die vielen Klavierwerke weitgehend in Vergessenheit.

Jermaine Sprosse; Foto: © Lucian Hunziker
Jermaine Sprosse; © Lucian Hunziker

Spezialist für die Empfindsamkeit

Der junge Cembalist und Pianist Jermaine Sprosse hat sich auf seiner neuesten CD nun ausschließlich der Werke von Friedrich Wilhelm Rust angenommen und sie auf einem Clavichord sowie einem Hammerflügel eingespielt.

Sprosse, der aus Berlin stammt und nach einer ersten Ausbildung bei Mitzi Meyerson an der hiesigen Universität der Künste an die Schola Cantorum in Basel wechselte, ist ein ausgesprochener Spezialist für das Repertoire der Empfindsamkeit, also der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Unter seinen Fingern entwickeln sich Rusts Clavierwerke tatsächlich zu bemerkenswerten Meisterwerken.

In den Sonaten ist zwar in gewissem Sinne noch der Lehrmeister C. P. E. Bach herauszuhören, Rust schlägt aber mit hochvirtuosen Passagen und ausgeprägten Durchführungsteilen einen ganz eigenen, zukunftsweisenden Stil an und sorgt nicht zuletzt mit wirkungsvollen Kontrasten und gewagten Harmonien für Spannung und Abwechslung.

Jermaine Sprosse präsentiert diese großartigen Stücke mit vollendeter Technik und großem Sinn für detaillierte Binnengestaltung im Sinne der Empfindsamkeit. Organisch gelingen seine Tempoübergänge, virtuose Passagen klingen leicht und schwerelos, langsame Sätze dagegen höchst poetisch.

Gelungene Wahl

Auch die Wahl der Tasteninstrumente erweist sich als sehr gelungen: Zwei Sonaten spielt Sprosse auf der Kopie eines bundfreien Hubert-Clavichords von 1772, das einen sehr wandlungsfähigen Klang aufweist. Die späte D-Dur-Sonate (die Jermaine Sprosse durch eine selbst komponierte Einleitung ergänzt hat) und die Variationsreihe erklingen auf einem originalen Hammerflügel von Johann Andreas Stein (1792) aus dem Besitz des Basler Musikinstrumentenmuseums.

In dieser hervorragenden Interpretation ist die Epoche der Empfindsamkeit wieder auf neue Weise hörbar geworden.

Bernhard Schrammek, kulturradio

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