Gustav Mahler: Symphonie Nr. 3; Montage: rbb
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Orchester - Gustav Mahler: Symphonie Nr. 3, d-Moll

Bewertung:

Bernhard Haitink ist ein Doyen der Mahler-Interpretation. Seine neue Einspielung der 3. Symphonie von Mahler ist die immense Erfahrung des 87-jährigen Dirigenten anzuhören.

Haitink ist kein junger Heißsporn, der dem schnellen musikalischen Effekt hinterherjagt. Seine Interpretation ist genau strukturiert und atmet eine große Weitsicht. Man spürt eine große Gelassenheit auch des Zeitempfindens.

Haitink bevorzugt durchgehende eher langsame, gedehnte Tempi. Er nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung der symphonischen Form er gibt den Musikern viel Raum für sorgfältige Phrasierungen, die Steigerungen werden mit großem Atem aufgebaut.

Trotz der langsamen Tempi hat diese Interpretation aber nichts unangebracht Weihevolles. Altersweise heißt bei Haitink nicht, dass seine Interpretation in Würde erstarrt sei. Im Gegenteil: gerade im Adagio-Finale strömt die Musik im seidigen Klang der Streicherkantilenen. Haitink verleiht ihnen eine sehr schlichte, verinnerlichte, tiefe Emphase. Das klingt ganz wunderbar.

bis ins Kleinste durchhörbar

"Was mir die Liebe erzählt" war dieser Satz von Mahler ursprünglich betitelt, doch die programmatischen Titel stehen nur in Mahlers handschriftlicher Partitur. Für den Druck hat er sie klugerweise gestrichen. Denn mit Programmmusik hat seine Musik überhaupt nichts zu tun, auch das macht Haitink in seiner klaren und unsentimentalen Interpretation klar. Er versteht es, die ganze Heterogenität von Mahler Musik prägnant zur Geltung zu bringen, ohne doch die Zügel aus der Hand zu geben.

Schlüssig und ökonomisch entwickelt er die Formdisposition des riesenhaften Kopfsatzes mit seinen Trauermärschen und Militärkapellen, er schärft die einzelnen Charaktere, gibt dennoch nicht den übergreifenden Zusammenhang des Ganzen preis. Noch in den massivsten Klangballungen bleibt die Orchesterpolyphonie Mahlers bis ins Kleinste durchhörbar.

Herausragend besetzt

Dies ist nicht zuletzt auch ein Verdienst des fabelhaften Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Das Orchester hat eine lange Mahler-Tradition. Von seinem Chefdirigenten Mariss Jansons ist es zu einem der besten Klangkörper weltweit avanciert. Von der Virtuosität, der technischen Perfektion und der tiefen Musikalität seiner Musiker profitiert auch diese Aufnahme mit Haitink.

Das Posthornsolo im 3. Satz erfüllt Martin Angerer mit einem wunderbar warmen, erfüllten und runden Ton. Ebenso herausragend sind die Vokalpartien besetzt. Dabei ist die Alt-Partie des vierten Satzes mit seinem Nietzsche-Text durchaus heikel.

Wenn dieses "Oh Mensch" vibratoreich und tränenselig gesungen wird, ist alles verdorben. Gerhild Romberger dagegen hat ein dunkel schattiertes, aber zugleich auch verheißungsvoll schillerndes Mezzosoprantimbre, das sie mit einer schlanken Tongebung einsetzt

"Keck"

Mahlers Symphonie hat mit Nietzsches Konzeption des "Übermenschen" gar nichts zu tun. Eigentlich bringt die Textpassage, die Mahler ausgewählt hat, nur seine eigene Vorstellung einer symphonischen Weltenkonstruktion auf den Punkt. So wie die Musik dieser Symphonie aus einer Natursphäre auftaucht und sich Satz für Satz zu einem höheren Bewusstsein entwickelt, werden auch die Worte des Nietzsche-Textes zunächst wie im Traum gesungen und fügen sich dann erst zu verständlichen Sätzen zusammen.

Das Schöne und Schreckliche liegen in Mahlers Musik, die disparatesten Sphären aufeinanderprallen lässt, dicht beieinander. In den Textzeilen heißt es entsprechend: "Die Welt ist tief, tief ist ihr Weh - Lust tiefer noch als Herzeleid". Den folgenden Satz mit dem Wunderhorn-Lied "Es sungen drei Engel" gestaltet Haitink mit den fabelhaft klaren, glockenrein intonierenden Augsburger Domsingknaben so "keck" wie Mahler es in seiner Partitur verlangt.

Julia Spinola, kulturradio

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