Rostropowitsch – Zugaben; Montage: rbb
Bild: hyperíon

Kammermusik - "Rostropowitsch – Zugaben"

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Vor einigen Jahren spielte der Berliner Cellist Alban Gerhard die Zugabestücke Pablo Casals neu ein. Dieses Projekt bereitete ihm so einen Spaß, dass er sich nun der nächsten Cello-Legende zuwandte.

Alban Gerhardt kann diesmal auf eigene Begegnungen zurückblicken. Als Heranwachsender begegnete er Ende der Siebzigerjahre dem Cellisten, spielte ihm vor – und dieser rückte ihm den Kopf zurecht. Sehr geschickt, denn Alban Gerhardt war danach hochmotiviert, sodass er damit den Weg zur eigenen Karriere beginnen konnte.

Später traf er Rostropowitsch in einem Meisterkurs wieder. Die Aufnahmen des großen Vorbildes waren ab sofort nicht mehr aus dem Kassettenrecorder des Jungcellisten wegzudenken. Das Album ist also eine ganz persönliche Angelegenheit, ein posthumer Gruß sozusagen.

Encores-Repertoire

Oft greifen Cellisten auf die Bach-Solo-Suiten für Zugaben zurück. Das Album beweist aber, dass es noch sehr viel mehr passende Literatur gibt, um nach einem Konzert sein Können noch einmal zu präsentieren, in technischer wie melodischer Hinsicht.

Dabei sind die Stücke natürlich nicht generell für Zugabe-Zwecke komponiert worden. Es sind nicht zu ausufernde, in sich abgeschlossene Werke. Alban Gerhard greift auf das sehr russisch geprägte Zugabe-Repertoire des Cellisten, kennt viele der Stücke in den Aufnahmen von Rostropowitsch.

Der Elfentanz von David Popper zeigt, dass er seinem Idol absolut gleichwertig begegnet. Wer das Stück so spielen kann – bei dem muss man nicht über Weltklasse diskutieren.

Rostropowitsch als Komponist

Der russische Cellist studierte einst Komposition. Zwei seiner Werke sind auf der CD zu finden, zu Beginn und am Ende der Titelliste. Damit ist auch ein musikalischer Rahmen geschaffen. Allerdings hat Rostropowitsch bekanntlich das Schreiben von Werken in der Folgezeit lieber in die Hand zahlreicher Komponisten gelegt.

Der im Booklet vorgelegte Text bietet zu jedem Stück eine kleine Einführung, die davon berichtet, wann, warum und wieso dieses Stück unbedingt zu Rostropowitsch gehört. Selten habe ich solch großartige Texte als Beilage einer CD vorgefunden.

Auf engstem Raum wird hier hoch konzentriert informiert, zudem liest es sich wunderbar flüssig. Ein Kompliment Richtung des Labels hyperíon, das immer besonderen Wert auf gute Zusatzinformationen legt.

Gerhardts Weg zu Rostropowitsch

Mit Markus Becker hat Gerhardt einen hervorragenden, einen versierten Partner, der alle Rauheiten, alle Zartheiten, impressionistischen Ausbrüche oder technisch herausragenden Stücke mit viel Lust unterstützt. Toll!

Alban Gerhardt bleibt sich dabei treu und schaut doch immer wieder in Richtung Rostropowitsch, der für seinen markig-kernigen Celloton bekannt ist. Hört man Aufnahmen von Rostropowitsch und Gerhardt parallel, dann merkt man, dass der Letztere die Aufnahmen des Jahrhundertcellisten sehr genau kennt.

Hier und da versucht Gerhardt dosiert, dieser "alten" russischen Seele in einigen der Zugaben besonders gerecht zu werden. Zum Beispiel beim letzten Stück der CD, Rostropowitschs "Moderato" für Violoncello Solo. Hier kann der Cellist mit Parallelklängen prahlen. Das ist ein derb-humoristisches Stück, in dem Alban Gerhardt das Markige von Rostropowitsch anspielen kann. Aber es wird durch eine zartere Passage aufgebrochen, in der sich der Ton lyrischer entwickeln kann – wo mehr Alban als Mstislaw zum Klingen kommt.

Alban Gerhardt sucht mit seinem Celloton, ähnlich wie Rostropowitsch, nicht nur den schönen runden Ton, der samtiges Wohlwollen hervorruft. Das ist Gerhardts Sache nicht. Er sucht die Ecken im Klang – die Höhen haben eine gewisse Schärfe.

Wenn Alban Gerhardt die großen Cellokonzerte spielt, dann trifft er den Nerv des Publikums nicht durch Glätte – das kann er auch, keine Frage! Der Cellist berührt vor allem durch seine ganz spezielle Tonansprache, die manchmal etwas Poröses hat, etwas markant Geschliffenes.

Diese Art des Musizierens bindet den Hörer. Es ist keine "Ich lass es mir gut gehen"-CD zum Nebenbeihören, sondern eine "Ich lass mich auf höchstem Niveau fesseln"-CD.

Cornelia de Reese, kulturradio

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