1517 - Mitten im Leben; Montage: rbb
Bild: Carus

Luther 2017 - "1517 – Mitten im Leben"

Bewertung:

Wie war das Leben der einfachen Bevölkerung zur Zeit von Martin Luthers Thesenanschlag? Das Calmus Ensemble und die Lautten Compagney haben sich auf eine musikalische Forschungreise begeben.

Nur wenige historische Ereignisse haben so nachhaltige Veränderungen in allen Lebensbereichen bewirkt wie die Reformation. Als Ausgangspunkt dieser kirchlichen, aber auch politischen und kulturellen Erneuerungsbewegung wird im Allgemeinen der 31. Oktober 1517 angesehen, an dem der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel in Umlauf gebrachte hatte.

Was er damit in Bewegung setzte, konnte Luther nicht absehen, denn die Folgen – positive und negative – reichten weit über seinen Lebenslauf hinaus und sind letztlich bis heute spürbar.

Kräftig modifiziert

Im 500. Jubiläumsjahr der Reformation erscheinen momentan im Wochentakt neue CDs, die sich diesem weitreichenden Ereignis widmen. Nur wenigen Veröffentlichungen gelingt aber eine solche Originalität und ein solch lebendiger Bezug zum Hier und Jetzt wie der CD "Mitten im Leben", für die sich das Calmus Ensemble aus Leipzig und die Berliner Lautten Compagney zusammengefunden haben.

In der Dramaturgie des Programmes wurden Musikstücke aus dem 16. Jahrhundert ausgewählt, die sowohl aus dem geistlich-liturgischen als auch dem weltlich-geselligen Bereich stammen (bzw. in keine dieser beiden Schubladen zu passen scheinen).

Das Spektrum reicht von Josquin-Motetten über Luther-Choräle bis hin zu populären Liedern von Ludwig Senfl und etlichen traditionellen Weisen. All diese Kompositionen wurden für die vorliegende Produktion überwiegend von Mitgliedern der beiden Ensembles für die spezielle Besetzung arrangiert und dabei zum Teil musikalisch kräftig modifiziert.

Zugespitzt

Das berühmte "Elslein"-Lied – eines der "Hits" des frühen 16. Jahrhunderts – erklingt in einer Version von Juan Garcia sehnsuchtsvoll angereichert mit Sept- und Nonakkorden, die sonst eher aus dem Jazzgesang bekannt sind. Entstaubt wurden aber auch die Luther-Choräle "Mitten wir im Leben sind" und "Vater unser im Himmelreich", wobei zu keinem Zeitpunkt der Respekt vor dem Original verlorengeht.

Zeitgenössische Chansons und Lieder, die ohnehin einen frech-ironischen, anspielungsreichen Text besitzen, werden durch die harmonische und rhythmische Umgestaltung noch zugespitzt und ins Heute geholt.

Lautten Compagney Berlin; Foto: © Ida Zenna
Lautten Compagney; © Ida Zenna

Sehr hörenswert

Die erneute Zusammenarbeit zwischen Calmus Ensemble und Lautten Compagney ist wiederum hervorragend gelungen. Alle Arrangements beachten sehr sorgfältig den klanglichen Ausgleich zwischen Vokal- und Instrumentalstimmen und sind genau auf die Besetzung dieser beiden Ensembles zugeschnitten.

Das Calmus Ensemble macht dabei seinem Ruf als eine der führenden deutschen A-cappella-Gruppierungen wieder einmal alle Ehre. Die vier Herren und ihre stimmlich sie krönende Sopranistin sind bestens aufeinander abgestimmt, singen berückend intonationsrein, sind aber auch jeweils solostisch sehr hörenswert.

Die Lautten Compagney Berlin ist in einer kleinen Besetzung ein idealer Partner. Bemerkenswert sind besonders die Durchschlagskraft der beiden Laut(t)en (Wolfgang Katschner und Hans-Werner Apel) und die Beweglichkeit von Posaune und Zink (Alexander Brungert und Friederike Otto).

Bernhard Schrammek, kulturradio

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