Gidon Kremer: Preghiera; Montage: rbb
Bild: Deutsche Grammophon

Solist - "Preghiera"

Bewertung:

Zum 70. Geburtstag des lettischen Geigers Gidon Kremer hat die Deutsche Grammophon eine Rachmaninoff-CD veröffentlicht – im Trio mit niemand Geringerem als Daniil Trifonov sowie der Cellistin Giedré Dirvanauskaité.

Das zeigt, wie dicht am Puls der Gegenwart dieser Künstler immer noch agiert. Er gehört nicht nur zu den wichtigsten, impulsgebendsten Musikern der Gegenwart, sondern hat das Kunststück fertig gebracht, als Außenseiter munter seine eigenen Wege zu gehen – und dabei den Eindruck zu erwecken, dies sei der Hauptweg.

Ein Mann der Gegensätze

Kremer war und ist die Integrationsfigur der E-Musik in den letzten 30 Jahren. Als Schüler von David Oistrach hat er noch mit Karajan und Bernstein epochale Aufnahmen gemacht – und doch elegant den Sprung zur Alten Musik vollzogen. Zwischen Ost und West, Konzertrepertoire und Kammermusik, Mainstream und Entdeckerwut gab es für ihn nie einen Unterschied. Er hat immer beides gemacht, und sich dabei entschiedener als alle anderen für entlegene oder übersehene Komponisten von Piazzolla bis Weinberg, von Giya Kancheli über Philip Glass bis zu Arvo Pärt ins Zeug gelegt.

Mit dem Kammermusikfestival Lockenhaus initiierte er einen Festival-Boom. Mit der Kremerata Baltica gründete er sein eigenes Ensemble. Kein Zufall, dass er sich aktuell zwar auf einer Jubiläumstour befindet. Die gilt aber nicht der Feier seines eigenen runden Geburtstags. Sondern der 20-jährigen Gründung der Kremerata.

Zentralereignisse seiner Diskografie

So sehr dieser Künstler alle Gegensätze aufhob, so eindeutig lässt sich sein Stil beschreiben. Sein spröder, splissiger Ton von herber Multikonsistenz wurde mit den Jahren immer radikaler. Darin folgte er keiner allgemeinen Tendenz, sondern erhob eine persönliche Vorliebe zum schulbildenden Standard (worin ihm andere Geiger wie etwa Thomas Zehetmair folgten).

Mit anderen überragenden Künstlern wie etwa Martha Argerich (seiner wichtigsten Kammermusikpartnerin), Emil Gilels oder Nikolaus Harnoncourt (mit dem er die fünf Mozart-Violinkonzerte und Sinfonia concertante einspielte) passte er stets vorzüglich zusammen. In luftiger Höhe verfliegen alle Unterschiede.

Neben Brahms' Violinkonzert (unter Bernstein) zählen diverse Violinsonaten (gemeinsam mit Argerich, Valery Afanasieff und Oleg Maisenberg) und die Bach-Sonaten und -Partiten zu den Zentralereignissen seiner Diskografie.

Wichtiger: Als abseitig aussortieren lässt sich kaum etwas – auch nicht die neue Rachmaninoff-CD "Preghiera", die das Trio élégiatique Nr. 2 und ein Arrangement des Adagio sostenuto aus Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert enthält.

Sein universales Mittel war: Persönlichkeit. Die war groß genug für alles. Glückwunsch zum 70.!

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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