Louis-Ferdinand Hérold: "Le Pré aux clercs"; Montage: rbb
Bild: Ediciones Singulares

Opéra français - Louis-Ferdinand Hérold: "Le Pré aux clercs"

Bewertung:

Heute sind Komponist und Werk gründlich vergessen – einst aber war Louis-Ferdinand Hérolds Oper "Le Pré aux clercs" ein Kassenmagnet.

Allein an der Opéra comique in Paris blieb das Stück nach der umjubelten Uraufführung 1832 ganze 117 Jahre im Repertoire und wurde insgesamt 1608 Mal gespielt. Noch häufiger gingen an dem Opernhaus nur "Carmen", Massenets "Manon", "Mignon" von Ambroise Thomas und Boieldieus "La dame blanche" über die Bühne.

Dank der Stiftung Palazzetto Bru Zane, die sich der Erforschung und Wiederbelebung der französischen Musik des 19. Jahrhunderts verschrieben hat, lässt sich Hérolds Megahit nun wiederentdecken, in einer rundum gelungenen CD-Einspielung, die bei einer konzertanten Aufführung in Lissabon im April 2015 entstanden ist.

Wie in Giacomo Meyerbeers grand opéra "Die Hugenotten" (die vier Jahre nach "Le pré aux clercs" in Paris herauskam) geht es um den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten im Frankreich des späten 16. Jahrhunderts. Doch während Meyerbeers dramatischer Fünfakter in der Darstellung der blutigen Bartholomäusnacht kulminiert, bildet der Religionskonflikt bei Hérold lediglich die historische Folie für eine Handlung, in der sich alles um amouröse Verwicklungen dreht.

Marguerite de Valois, die Schwester des französischen Herrschers, hat sich in den Kopf gesetzt, ihre Freundin Isabelle heimlich mit dem spanischen Gesandten Mergy zu verheiraten, der ein Hugenotte ist. Bis es dazu kommt, gilt es für die Protagonisten eine ganze Reihe höfischer Intrigen zu überstehen – und ein Duell, das auf der "Schreiberwiese" stattfindet, also auf dem "Pré aux clercs", einem freien Feld gegenüber des Louvre, das der Oper ihren Namen gegeben hat.

Was diesen Livemitschnitt so angenehm zu hören macht, sind die äußerst lebendigen Dialoge. Die sind deshalb entscheidend, weil es sich hier um eine frühe Form der opéra comique handelt, in der zwischen den musikalischen Nummern sehr viel gesprochen wird.

Die jungen Sängerinnen und Sänger treffen aber auch in den Arien und Ensembles allesamt den richtigen idiomatischen Tonfall, zeigen die nötige Eleganz und Leichtigkeit für die Partien. Dirigent Paul McCreesh schafft mit dem Orquestra Gulbenkian dazu eine Atmosphäre heiterer Quirligkeit, in der alle Vorzüge von Hérolds Kompositionsstil voll zur Geltung kommen.

Hérold, der kurz nach der "Le Pré aux clercs"-Premiere mit nur 40 Jahren starb, ist weniger von Rossini beeinflusst als seine Kollegen Auber oder Adam. Er gestaltet die einzelnen Nummern darum nicht strikt nach festgelegten Schemata, sondern folgt vielmehr äußerst sensibel dem Text, versucht wirklich jede emotionale Regung seiner Charaktere in Musik zu fassen. Dadurch ergibt sich eine oft recht kleinteilige Struktur, aber eben auch eine sehr individuelle, atmosphärisch vielseitige Klangsprache.

Häufig erinnern die eingängigen Melodien an den Schwung von Jacques Offenbach. Hérolds Instrumentation aber ist stets feiner gearbeitet als beim König der französischen Operette.

Mit einem Wort: "Le Pré aux clercs" ist Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau!

Frederik Hanssen, kulturradio

Weitere Rezensionen