Ouvertüren, Vorspiele und Intermezzi; Montage: rbb/© Decca
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Oper - "Ouvertüren, Vorspiele und Intermezzi"

Bewertung:

Auf seiner neuen CD versammelt der italienische Dirigent Riccardo Chailly Ouvertüren, Vor- und Zwischenspiele aus meist unbekannten Opern von Verdi, Rossini und etlichen Verismo-Komponisten. Lohnt sich das?

Seit zwei Jahren ist Riccardo Chailly Chefdirigent der Mailänder Scala. Jetzt hat er mit der Elite-Auswahl des Opern-Orchesters, genannt: Filarmonica della Scala, eine CD mit entlegenen bis 'abgedrehten' Vor- und Zwischenspielen italienischer Opernkomponisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgenommen: von Rossini ("La pietra del paragone"), Bellinis "Norma" und Donizettis "Ugo, conte di Parigi" reicht das über frühen Verdi ("Il finto Stanislao", "I Lombardi") bis zu Puccinis "Edgar" und etlichen Verismo-Knallern (dabei so Entlegenes wie Leoncavallos "I Medici" und Giordanos "Siberia"). Werke kurzum, an denen sich kein Weltklasse-Dirigent bislang die Finger schmutzig machte. Und siehe: das Ergebnis ist ganz herrlich.

Klug gewählt

Chailly, selber Sohn eines Opernkomponisten (Luciano Chailly), hat klug ausgewählt. Wie fast alle italienischen Dirigenten weist auch sein Zugang einen deutlichen Toscanini-Bezug auf. Das bedeutet: Messerscharfe Akzente bei geflissentlicher Verachtung aller Italien-Klischees, soweit diese auf Lässigkeit oder Mittagsruhe schließen lassen. Dagegen vermeidet er den Eindruck alles Rigiden und Dogmatischen (wozu Toscanini neigte). Anders beschrieben: Ähnlich wie sein Kollege Riccardo Muti setzt auch Chailly auf eine klangsinnliche Erwärmung des Orchesterklangs. In puncto Schliff und Raffinesse dringt er mit diesem Orchester aber deutlich weiter vor als Muti. Alles wirkt federnd, elastisch und locker hingetuscht. Die Filarmonica della Scala habe ich noch nie so gut genört (nicht einmal bei Carlo Maria Giulini).

Eine der schönsten CDs von Riccardo Chailly

Das wäre nun Grund genug zu bedauern, dass Riccardo Chailly nicht Nachfolger auf dem Chefsessel der Berliner Philharmoniker geworden ist (selbst wenn keinerlei Grund vorliegt, über die getroffene Wahl zugunsten von Kirill Petrenko traurig zu sein). Gut erinnert man sich in Berlin an die Siegesstrecke, die Chailly in den 80er Jahren bei DSO hinlegte (dem damaligen RSO). Dort ging es damals interessanter zu als zeitgleich bei den Philharmonikern unter Karajan. Wenn wir das Ergebnis dieser CD auf das 'hochrechnen', was mit den Philharmonikern drin wäre, so besteht aller Anlass, Chailly so oft wie nur möglich wieder nach Berlin einzuladen.

Es ist eine der schönsten CDs von Riccardo Chailly überhaupt geworden. Wenn die gebotenen Werke nicht erklassig musiziert werden, klingen sie ja dürftig, hilflos und todmüde. Hier: wie ein Jungbrunnen. So inspiriert gespielt, würde man gerne die ganzen Werke gleich hinterher hören.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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