Saverio Mercadante: Francesca da Rimini; Montage: rbb
Bild: Dynamic

Oper in zwei Akten (1830) - Saverio Mercadante: "Francesca da Rimini"

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Unzählige Belcanto-Opern sind in den letzten Jahrzehnten erschienen mit dem Vermerk: "Weltersteinspielung". Doch von einer echten Uraufführung hört man selten.

Ein Mitschnitt solch einer Weltpremiere ist jetzt beim Label Dynamic herausgekommen: Saverio Mercadantes Oper "Francesca da Rimini" von 1830. Das geht deshalb, weil der Belcanto-Komponist Mercadante unendliches Pech mit seiner Dante-Oper hatte.

Die Oper war zunächst für Madrid vorgesehen, da wurde er aber weggeekelt, und danach hat der Komponist die Partitur bei der Mailänder Scala eingereicht. Der Impressario Giuseppe Crivelli nahm die Oper an, sie sollte 1831 herauskommen, doch nach seinem plötzlichen Tod wusste vermutlich kein Mensch, wo Crivelli die Partitur gelassen hatte.

Mercadante hatte keine Abschrift (oder nur eine unbrauchbare Teilabschrift) gemacht. Sicher dürfte Mercadante auch nach dem Experiment mit der Oper "Virginia" (1849 von der Zensur verboten, erst 1866 uraufgeführt) endgültig die Lust verloren haben, sich um seine alten Werke zu kümmern – die Mode war nun eine andere.

Jetzt, in Zeiten der Belcanto-Renaissance, ist die "Francesca" wieder da, und sie stellte sich bei der Uraufführung im Sommer letzten Jahres beim Festival in Martina Franca als echte Überraschung heraus.

Die Jahre 1830/31 waren Schicksalsjahre der italienischen Oper, "Anna Bolena", "La sonnambula" und "Norma" sollten die Geschichte entscheidend prägen. Schade, dass es Mercadante mit diesem Werk nicht beschieden war, am Wettlauf um die Opernmoderne teilzunehmen. Seine Chancen zumindest für einen Ehrenplatz wären beachtlich gewesen.

Der schrillste und klügste Belcanto-Komponist vor Verdi

Mercadante teilt das Schicksal mit Komponisten wie Carl Loewe oder Antonio Salieri: Zu Lebzeiten durchaus geschätzt, war den Zeitgenossen doch das Innovative, Vorwärtsdrängende ihrer Musik zwar bewusst, schlug sich aber eher in Respekt, nicht in Liebe und Enthusiasmus nieder.

Eigentlich ist die wahre Genialität des Musikdramatikers Mercadante erst Ende des 20. Jahrhunderts aufgefallen – endlich wurde er gewürdigt als der große unbequeme Reformer vor Verdi. Er hat sich an große Experimente, sowohl formal als auch harmonisch, gewagt. Er war vielleicht der klügste italienische Komponist zwischen Rossini und Verdi. Kein anderer schrieb in dieser Zeit so raffinierte Ensembles und eine so exquisite Instrumentierung, nicht einmal Meyerbeer.

Aber gerade diese etwas zergrübelte Art zu schreiben dürfte seinen Aufstieg zum Superstar immer verhindert haben. Man höre sich die zweite große Arie Francescas an – staunenswert, artistisch atemberaubend, aber kalt in sich selbst kreisend. Ohne den Sog, den ein Bellini entwickelt hätte oder den Schwung, den Rossini mit nur wenigen Änderungen in Rhythmen und Melodik erreicht hätte.

Heute aber, wo wir nach heftigsten Flutwellen des Rossini- und Donizetti-Fiebers vielleicht etwas übersättigt sind vom puren Schönklang und sublimen Melodien – da fällt Mercadante als Querdenker und Schrillo eher angenehm auf.

"Francesca da Rimini" mit Leonor Bonilla; Festival della Valle d'Itria
Leonor Bonilla; © Festival della Valle d'Itria | Bild: Festival della Valle d'Itria

Ein Höhepunkt der Festivalgeschichte

Nach einer Serie größerer und kleiner Enttäuschungen hat mich dieser Festivalmitschnitt uneingeschränkt begeistert. Und das ist sicher zunächst einmal Fabio Luisi zu danken, der hier einfach brennend am Stoff interessiert war. Er hat schon 1994 bei den Bregenzer Festspielen mit der Zandonai-Version der Francesca Aufsehen erregt.

Luisi holt aus diesem zusammengewürfelten Festival-Orchester alles heraus, was überhaupt möglich ist. Man merkt: Da steckt eine Vision dahinter. Mercadantes subtile Instrumentierung klingt nicht blechern wie oft in Martina Franca, sondern seidig und durchsichtig, manchmal fast nach jungem Richard Wagner – ganz erstaunlich!

Alle drei Haupt-Interpreten sind hierzulande recht unbekannt. Und alle drei verdienten mehr Ruhm. Allen voran Titelpartie-Sängerin Leonor Bonila, die sich wirklich mit großer Eleganz an diese halsbrecherisch schwere Partie wagt (für die Tosi geschrieben!), strahlende Höhen, sanfte Übergänge.

Ähnliches gilt auch von der Mezzosopranistin Aya Wakizono, die man nach dieser Aufnahme wirklich gern mal in den großen Rossini-Rollen hören würde. Merto Sungu, der Tenor, erinnert ein wenig an die gloriosen Tage von Rockwell Blake. Man muss die Stimme nicht lieben, aber technisch ist sie astrein. Der Mann weiß, wie man Belcanto singen muss.

Entäuschende Präsentation von Dynamik

Die Präsentationen von Dymanik allerdings werden immer schlechter. Ich hoffe, dass die Talfahrt irgendwann ein Ende nimmt. Frühere deutsche Übersetzungen der Booklet-Texte fallen ebenso weg wie ein Abdruck der Libretti.

Die Track-Listen gehören zum Schlechtesten, was ich im Bereich Oper je gesehen habe. Sie bestehen nur aus dem italienischen Satz, der die Sequenz einleitet. Man erfährt weder, ob es ein Rezitativ oder eine Nummer ist. Geschweige denn, was für eine Nummer. Selbst bei Ensembles wird unsinnigerweise nur eine Figur in Klammern aufgeführt.

Höchste Zeit, dass die Booklets (wieder) von jemandem betreut werden, der die Gattung Oper ernst nimmt! Die bittere Pointe – billiger sind die Scheiben nur in der Ausstattung geworden, nicht im Preis.

Matthias Käther, kulturradio

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