Winds and Pipes; Montage: rbb
Bild: Genuin

CD-Kritik - "Winds and Pipes"

Bewertung:

Ein "Nischenprodukt": Hier treffen sich zwei Klangkörper, die definitiv nicht prägend sind in der Musikszene – eine große Orgel und ein sinfonisches Blasorchester.

Die Orgel ist eine Nische im Konzertbetrieb, auch wenn laut einer Statistik zusammengenommen mehr Menschen in Deutschland Orgelkonzerte als Fußballspiele besuchen. Und Musik für sinfonisches Blasorchester ist ebenfalls eine absolute Nische. Man verortet sie eher im volkstümlichen Bereich, in Bayern oder Nordrhein-Westfalen.

Die Sächsische Bläserphilharmonie ist das einzige professionelle Orchester seiner Art außerhalb von Polizei und Bundeswehr. Bis Anfang der Neunzigerjahre hieß es Rundfunk-Blasorchester Leipzig. Dann wurde es leider nicht vom Mitteldeutschen Rundfunk übernommen, hat aber zum Glück alle Wirren überstanden und wird heute als gemeinnützige GmbH geführt.

Chefdirigent Thomas Clamor war viele Jahre Solotrompeter der Berliner Philharmoniker, das spricht für höchstes Niveau. Das Orchester spielt mit enormer Präzision und Klangfülle.

Ungewohnte Höreindrücke

Es gibt nur wenige Stücke, die genuin für Orgel und sinfonisches Blasorchester geschrieben sind, die meisten stammen aus dem 20. Jahrhundert. Die CD enthält lediglich eines, ein dreisätziges Concertino des Schweizer Komponisten Thomas Trachsel. Alle weiteren Stücke sind Bearbeitungen von Werken für ursprünglich andere Besetzungen. Aber auch da ergeben sich Höreindrücke, die man so bislang kaum oder gar nicht erleben konnte.

Daniel Beilschmidt ist einer der profiliertesten Organisten der jüngeren Generation in Ostdeutschland. Er hat an der Leipziger Musikhochschule studiert und ist als Universitätsorganist in der Stadt "hängengeblieben".

Vor zwei Jahren hat Beilschmidt ein spektakuläres CD-Debut vorgelegt mit Orgelmusik von Olivier Messiaen. Und zwar eingespielt nicht an irgendeiner Orgel, sondern am Instrument von Aristide Cavaillé-Coll in der Église de la Sainte-Trinité in Paris – also an dem Instrument, an dem der Komponist Olivier Messiaen selbst gesessen hat. Diese Produktion wurde von der Kritik hoch gelobt und das hier ist nun Daniel Beilschmidts zweite CD.

Orchester und Orgel auf Abstand

Entstanden ist die Aufnahme im Dom St. Marien zu Wurzen in Sachsen, etwa 25 km von Leipzig entfernt. Dieser Raum ist sehr hoch und sehr lang, deswegen gibt es einen Abstand von 30 Metern (!) zwischen Orchester und Orgel. Das Instrument stammt von der Dresdner Firma Jehmlich, wurde in den Dreißigerjahren erbaut und steht im Klangbild an der Grenze zwischen Romantik und Neobarock.

Der damalige Leipziger Thomaskantor Günter Ramin hat die Disposition entworfen, also die Zusammensetzung der Register. Und so kann Daniel Beilschmidt je nach Stück sehr orchestral spielen oder eben etwas transparenter.

So spannend das Repertoire ausgewählt und so professionell es musiziert wird – einen Kritikpunkt gibt es dennoch. Eine Orgel aufzunehmen ist an sich schon heikel. Dazu noch ein Blasorchester – das ist für jeden Tonmeister eine Herausforderung. Das optimal auszubalancieren ist leider nur fast gelungen.

Es gibt doch ein paar Passagen, in denen die Orgel beinahe vom Orchester zugedeckt wird, obwohl sie solistisch agiert, also meines Erachtens präsenter sein sollte. Das ist ein bisschen schade, trübt aber den hervorragenden Gesamteindruck nicht allzu sehr.

Claus Fischer, kulturradio

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