Andreas Ottensamer: New Era; Montage: rbb

Klarinette - Andreas Ottensamer: "New Era"

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Er ist fast auf den Tag genau sechs Jahre Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker. Nun hat Andreas Ottensamer seine inzwischen vierte CD herausgebracht: "New Era"

Der Titel der CD spielt auf die Zeit an, in der sich die Klarinette etablierte und in vielen europäischen Orchestern ihre weite Verbreitung erfuhr. Das geschah vor allem vom Hof Mannheims aus, der zu dieser Zeit das Spitzenorchester auf dem Kontinent vorzeigen konnte: die Mannheimer Hofkapelle. Ihre Qualität wurde sprichwörtlich: Man sprach von der Mannheimer Rakete, weil ihr gemeinsames Orchester-Crescendo und Decrescendo (das Lauter- und Leiserwerden) so perfekt war. Offiziell spricht man von der "Mannheimer Schule".

Durchreisende überschlugen sich regelmäßig in Lobeshymnen zu diesem Musikerverbund. Auch Mozart, der 1777/78 dort für einige Monate weilte und auf weiteren Reisen immer wieder Halt in der Stadt machte. Er traf dort auf die Klarinette, die dort zum ersten Mal in einem Profiorchester zum Einsatz kam. Und ab sofort schwärmte er vom "herrlichen Effekt" des Instruments, die er fortan in seine eigenen Werke integrierte.

In Mannheim entstand wahrscheinlich das erste Klarinettenkonzert, geschrieben vom Gründer der Mannheimer Schule, von Johann Stamitz. Und mit diesem Konzert eröffnet Ottensamer seine neue CD. Hier kann er alles zeigen: seine unglaublich geläufige Technik. Das läuft, dass es eine Freude ist. Und auch das Laut und Leise ist bei ihm so eng beieinander – wer sich jemals an diesem Instrument versucht hat, weiß, wie groß die Kunst ist, eine so große Dynamik auf dem Instrument darzustellen.

Die Konkurrentin: Sabine Meyer

Beide Solisten, sowohl Meyer wie Ottensamer, fassen diese Musik sehr ähnlich auf. Die Spiellaune überträgt sich, Sabine Meyer entschied sich für ihre Aufnahme für einen ganz klaren Ton, Ottensamer lässt mehr das Weiche im Ton seiner Klarinette zu.

Aber das, was bei Ottensamers Aufnahme auffällt, ist das Zusammenspiel mit dem begleitenden Orchester. Sabine Meyer spielt mit der Academy of St. Martin in the Fields zusammen, und das Orchester bringt bei weitem nicht so viele Farben zum Vorschein wie die Kammerakademie Potsdam. Man hört, wie sich Ottensamer und die Potsdamer gegenseitig die Bälle zuspielen.

Kammerakademie Potsdam; Foto: © Stefan Gloede / KAP
Kammerakademie Potsdam; © Stefan Gloede / KAP

Die Potsdamer Mannheimer

Die Kammerakademie ist inzwischen hochgradig fit, gerade in dieser Epoche. Sie spielen das sehr, sehr durchsichtig. Sie sind in ihrer Dynamik enorm rege. Zudem reagiert das Orchester auf jede Nuance ihres Solisten (der hier auch die Leitung mit übernommen hat). Das macht Spaß. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele hochkarätige Musiker an die Kammerakademie Potsdam wenden, um mit ihnen frühklassisches und klassisches Repertoire aufzunehmen, wie Emmanuel Pahud oder Albrecht Mayer.

Dazu kommt, dass sie einschlägige Erfahrungen mit ihren Dirigenten gemacht haben, die in letzter Zeit aus der Alte-Musik-Szene kamen, ohne die Kammerakademie zu einem Alte-Musik-Ensemble zu wandeln. Die spielen immer auf modernen Instrumenten und heutigen Bögen – nur die Blechbläser setzen immer wieder auf historische Instrumente.

So sind sie bestens gerüstet, die frühklassische Musik, der man manchmal ein einfach gestricktes Muster vorwerfen möchte, so pfiffig zu spielen, dass gar nicht erst der Gedanke an öde oder langweilige Konzertmomente aufkommt.

Mit der CD kommt es zum Spitzentreffen der Holzbläser der Philharmoniker. Der Oboist Albrecht Mayer spricht immer nur von seinen "Freunden der Potsdamer Kammerakademie" und Emmanuel Pahud ging zuletzt mit der Kammerakademie auf Tour. Auch er ist mit von der Partie bei eigens eingerichteten Bearbeitungen von Mozart-Arien.

Danzi und Mozart

Eine echte Entdeckung: das Doppelkonzert B-Dur von Franz Danzi. Sein Konzert ist eigentlich für Fagott und Klarinette gedacht – hier ist es für Englischhorn und Klarinette umgearbeitet. Franz Danzi verlässt die ausgetretenen Kompositions-Pfade, Dreiklang rauf und runter. Stattdessen umwinden sich die beiden Instrumente in ihren Melodien auf eine Art und Weise, die eine romantische Melodieführung vorwegnimmt. Nicht ganz, aber doch schon streckenweise blitzt die Bühnenatmosphäre eines Carl Maria von Weber durch.

Andreas Ottensamer hat sich für Bearbeitungen entschieden und nicht für die X. Neueinspielung des Klarinettenkonzertes. Vielleicht, hoffentlich hebt er sich diese Einspielung noch auf. Die Bearbeitungen sind neu gesetzte sowie von Franz Danzi.

Das Gesangliche an Ottensamers Spiel kommt hier besonders schön zur Geltung, zum Beispiel in der Zerlina-Arie "Batti, batti, o bel Masetto", in einer Fassung für Bassettklarinette und Flöte. Die Kammerakademie begleitet das so dezent, als ob sie bei dieser intimen Szene so wenig wie möglich stören möchte.

Andreas Ottensamer ist einer der besten Klarinettisten momentan, das stellt er hier technisch wie melodiös aus. Die Kammerakademie Potsdam ist in dieser Musik mehr als zu Hause, und das auf einem Album mit schlüssigem Konzept.

Ein tolles Album, auf dem herausragende Kollegen mitspielen.

Cornelia de Reese, kulturradio

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