Daniel Hope: For Seasons © Deutsche Grammophon/Montage: rbb

Kammermusik - "For Seasons"

Bewertung:

Daniel Hope ist einer der berühmtesten Geiger der Gegenwart – ebenso bekannt für seine Perfektion wie Provokation. Auch seine neue CD "For Seasons" ist ungewöhnlich – Jahreszeitenmusik von Vivaldi bis zur Gegenwart. 

Daniel Hope hat mit dem Zürcher Kammerorchester Vivaldis "Vier Jahreszeiten" aufgenommen. Das ist keine Sensationsmeldung. Es handelt sich nicht gerade um eine dringend zu füllende Repertoirelücke. Auch die vorliegende Interpretation kann nicht für sich in Anspruch nehmen, aufregender zu sein als manche andere, etwa die hervorragende von Il Giardino armonico. Ich will die Einspielung nicht schlechtreden – sie ist solide, und was den Geiger Daniel Hope betrifft, sogar ganz ausgezeichnet. Eine gewisse beredte Zartheit liegt in seinem Spiel, die vor allem den Vivaldi-Hörern entgegenkommt, denen manch scharfkantige Einspielung der letzten Zeit vielleicht zu  schroff geraten ist. Eine runde Sache. Nur eben nicht grade eine Interpretation, die neue Akzente zeigt. Aber das muss ja auch nicht immer sein.  

Interessante Idee

Da klingt die Idee, die Vivaldi-Musik durch eine weitere, modern anmutende Jahreszeitenmusik zu ergänzen, erst einmal ganz aufregend.  Der Grundgedanke, stilistisch scheinbar weit auseinanderliegende Miniaturen zu einem Zyklus zu vereinen, ist sympathisch. Allen Stücken ist gemeinsam, dass sie natürlich für Violine arrangiert wurden, und diese Piecen, die sich jeweils einem Monat im Jahr widmen, reichen von Rameau über Molter, Bach, Schumann, Tschaikowski bis hin zu jungen Komponisten wie Nils Frahm, Jahrgang 1982. Vieles wurde sehr schlüssig zugeordnet, im September gibt es etwa eine Version des berühmten September-Songs von Kurt Weill; der Juni wird vertreten durch Tschaikowski Juni aus dessen Jahreszeiten-Zyklus.  Mal wird’s minimalistisch a la Max Richter, mal jazzig-verrucht, mal eher kammermusikalisch, aber allen Stücken ist doch gemeinsam, dass sie wohlig, glatt ins Ohr gehen, nicht die Seele besonders aufwühlen, eher beruhigend-melancholisch daherkommen. Nils Frahms Januar-Stück wirkt weder kühl noch schroff, sondern könnte auch einem  Liebesfilm entnommen sein, in dem der unglückliche Protagonist deprimiert durch eine Winterlandschaft fährt.

Sehnsucht nach Avantgardismus

Dennoch - das Album hinterlässt bei mir einen leicht schalen Geschmack, so als hätte mich jemand ein bisschen betrogen, mir nicht wirklich etwas Minderwertiges verkauft, aber doch nicht die Sorte Musik, die er im Katalog angepriesen hat. Äpfel statt Granatäpfel gewissermaßen. Vielleicht liegt das an der sonderbaren Schere zwischen optischer und akustischer Aufmachung. Das gesamte Booklet gibt sich poppig-intellektuell, Daniel Hope mit Geigengriff als Kinnstütze vor einem graukarierten Hintergrund, viele Farbkleckse hintendrauf und mittenmang, total wichtig aussehende Schwarzweißporträts abgeklärt wirkender Menschen, die alle den Eindruck erwecken, als hätten sie grade eine indische Zen-Prüfung bestanden. Seltsame Gemälde. Kann man machen – aber das summiert sich zu einem avantgardistischen Gesamteindruck, der täuscht.

Denn die Stücke klingen alle trotz der bemühten Vielschichtigkeit erschreckend homogen. Man könnte es, der Tendenz der Zeit folgend, alles zu preisen, was andre auch schon gepriesen haben, auch positiv ausdrücken und sagen: hier hat es Hope geschafft, vielerlei Stile unter einen Hut zu bringen, ohne das die Brüche hörbar werden.  Aber damit macht man es sich wohl zu leicht. Ich finde, alles ist hier eine Spur zu eingängig, zu glatt, zu bemüht unprätentiös. Heinrich Heine sagte mal über eine Opernaufführung: das war kein heiterer Abend, es war eine verzweifelte Sehnsucht nach der Heiterkeit. Und auch hier habe ich das Gefühl, kein ambitioniertes Album zu hören, sondern Hopes verzweifelte, aber auch anrührende Sehnsucht nach Ambitioniertheit. Eine lizensierte Provokation in Watte, die keinem wehtut und vermutlich Millionen gefällt. 

Daniel Hope, Violine, im kulturradio-Studio; Foto: Gregor Baron

Nicht mein Ding, aber technisch brillant

Hope hat mal gesagt – die gefährlichsten Kritiker sind die, die keine Ahnung haben und gut schreiben. Deswegen habe ich hier um besonders elegante Formulierungen bemüht. Gerechtigkeitshalber muss ich gestehen: auch wenn sich mir die Essenz, die Botschaft des Albums  nicht ganz erschließt, ist es doch in seiner rätselhaften glatten Weichheit gut gemacht.  Die technische Seite ist glänzend gelöst.

Unter der süßlichen Schicht der Gefälligkeit verbirgt sich ein sehr filigranes Zusammenspiel aller Beteiligten und verrät immenses handwerkliches Können weit über dem Durchschnitt. Wenn man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat, hier eher Schmusemusik zu bekommen und keine avantgardistischen Neuheiten, kann man vieles durchaus genießen, vor allem Hopes große Kunst des ganz behutsamen, zuweilen fast flüsternden Violinspiels, das ich so zart selten gehört habe. Und man wird einige köstliche Arrangements entdecken, die wirklich Spaß machen.    

Matthias Käther, kulturradio

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