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Orchester - Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion

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Im März erscheint eine neue CD mit dem Live-Mitschnitt eines Konzerts des Monteverdi Choir und der English Baroque Soloists unter John Eliot Gardener aus dem Dom zu Pisa vom September 2016.

Erst vor wenigen Monaten ist John Eliot Gardiners Bach-Buch "Musik für die Himmelsburg" in der deutschen Ausgabe erschienen. Darin hat der Dirigent auch eine ausführliche Analyse der Matthäus-Passion vorgenommen, in der seine Erfahrungen aus der jahrzehntelangen Beschäftigung mit diesem Ausnahmewerk eingeflossen sind.

Gardiner betont dabei, wie sehr es Bach mit seiner großen Passionsmusik gelingt, den Betrachter in das Geschehen einzubeziehen: "Bei Bach werden wir zu aktiv Mitwirkenden bei der Vergegenwärtigung einer Geschichte, die [...] so erzählt wird, dass sie uns aus unserer Selbstgefälligkeit reißt und uns innehalten lässt."

Alle Vokalsolisten singen auswendig

Davon ausgehend stellt Gardiner am Ende des Kapitels zur Matthäus-Passion Überlegungen an, wie dieses Mammutwerk in unserer heutigen Zeit adäquat aufzuführen sei. Er wünscht sich weder eine traditionelle Oratorienaufführung noch eine szenische Dramatisierung durch einen Regisseur, sondern einen "Mittelweg zwischen Dramatik und Meditation". Die praktische Antwort auf diese theoretischen Ausführungen gibt John Eliot Gardiner nun selbst in seiner neuen Einspielung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach.

Es handelt sich um den Livemitschnitt eines Konzerts, das er mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists im September 2016 in Pisa gegeben hat. Dieses Konzert war der Schlusspunkt einer 16 Aufführungen umfassenden Tournee und damit einer höchst intensiven Beschäftigung dieser Interpreten mit der Passion. Gardiner konnte dabei sämtliche Vokalsolisten dazu überreden, auswendig zu singen, außerdem bat er um sparsame Interaktionen zwischen den Akteuren. Er verzichtete hingegen auf Bühnenbild, Kostüme oder ein umfassendes Regiekonzept, das den Zuschauer auskoppeln könnte.  

Das Drama nimmt unmittelbar gefangen

Dieser Grundansatz Gardiners ist – trotz der fehlenden optischen Komponente – im CD-Livemitschnitt auf voller Linie zu hören. Das Drama des Leidens und Sterbens Christi mit all seinen Facetten und betrachtenden Texten nimmt unmittelbar gefangen und wird in einem großen Bogen packend dargeboten.

Gardiner gelingt es ganz hervorragend, die vielen Stimmungswechsel zwischen Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Aufruhr, Wut, Verrat, aber auch Hoffnung und Treue adäquat umzusetzen. Dabei kann er sich auf seinen (auswendig singenden) Monteverdi Choir voll verlassen. Die Choristen sind unglaublich präsent und motiviert; dass in den Turba-Chören manchmal Einzelsänger aus den meist nur drei Sänger umfassenden Stimmgruppen herauszuhören sind, schmälert den Eindruck nicht.  

Eine überragende Leistung von James Gilchrist

Ganz entscheidend für die Gesamtwirkung der Einspielung ist die überragende Leistung von James Gilchrist als Evangelist. Er findet in allen Bereichen dieser Riesenpartie den idealen Mittelweg zwischen neutraler Erzählung und mitfühlender Dramatik. Bei ihm ist nicht nur jedes Wort perfekt verständlich, sondern es werden auch satzübergreifende Zusammenhänge der Dichtung erkennbar.

In dramatischen Szenen geht Gilchrist auch gern mal aus der Deckung, ohne jedoch je übertrieben theatralisch zu agieren. Und dann diese Stimme! Absolut intonationsrein und leuchtend klingt sie auch in den extremen Lagen, sie hat lyrische und heldische Qualitäten, die sorgfältig dosiert eingesetzt werden. Diese Leistung imponiert umso mehr, da es sich um eine Live-Aufnahme handelt – auch nach mehr als zwei Stunden Daueranspannung ist Gilchrists Stimme immer noch so rein und leuchtend wie zu Beginn.

Für diesen Evangelisten ist Stephan Loges als Jesus leider nicht der ideale vokale Partner. Er singt zwar auch gut textverständlich, setzt allerdings sehr viel Timbre ein, was – in Kombination mit der Streicherbegleitung der Jesus-Worte – zuweilen etwas gekünstelt und übertrieben klingt.

Große Palette von Klangerlebnissen

Sämtliche Arien und sonstige Solopartien (Pilatus, Petrus etc.) schließlich werden in dieser Aufnahme von Mitgliedern des Monteverdi Choirs gesungen, dabei kommen insgesamt 15 Sängerinnen und Sänger zu Einsatz. Das spricht einerseits für die enorme Qualität des Chores, führt aber dann doch zu einer großen Palette von Klangergebnissen. Eine tief anrührende Leistung erbringt beispielsweise die Altistin Eleanor Minney, deren "Erbarme dich"-Arie ein Höhepunkt der gesamten Aufnahme ist. Auch Hannah Morrison beeindruckt, etwa mit der Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben". Bei Ashley Riches knarrt die Stimme ein wenig (z.B. Arie "Gerne will ich mich bequemen"), wesentlich wärmer klingt dagegen Jonathan Sells ("Mache dich, mein Herz bereit").

Wie der Chor sind auch die English Baroque Soloists vom Live-Geschehen wie elektrisiert. In allen instrumentalen Gruppen ist höchste Qualität zu hören. Einzig die Continuo-Gruppe könnte man sich etwas stärker besetzt vorstellen (was aber sicher eine Dirigenten-Entscheidung ist): Die Orgel ist kaum zu hören und darf nur an wenigen Stellen einen über das Gedackt 8-Fuß-Register hinaus reichenden Klang präsentieren. Auch das Cembalo wird sehr sparsam eingesetzt, auf Lauteninstrumente vollkommen verzichtet.

Eine beeindruckende Neuaufnahme

Hinsichtlich der Geschwindigkeit neigt Gardiner immer wieder zu recht sportlichen Tempi, etwa in den Turbae und den großen Chorsätzen. Auch in den Chorälen gibt es bei ihm nur wenige Atempausen, was gerade in diesen populären Teilen manchmal überhetzt wirkt. Umso größere Höhepunkte sind die voller Spannung musizierten langsamen Arien wie "Erbarme dich", "Aus Liebe will mein Heiland sterben" oder "Komm, süßes Kreuz".

Fazit: Eine beeindruckende Neuaufnahme mit einer großartigen Ensembleleistung, einem durchgehenden dramatischen Konzept und einem überragenden Evangelisten.

Bernhard Schrammek, kulturradio

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