Sokolov: Mozart Rachmaninov Concertos; Montage: rbb
Bild: Deutsche Grammophon

Klavier - Sokolov: Mozart Rachmaninov Concertos

Bewertung:

Kultisch verehrt, aber: Seit 2013 hat der russische Meisterpianist Grigori Sokolov das Konzertieren mit Orchester ganz aufgegeben – angeblich aufgrund des Unglücks über nicht ausreichende Probenzeiten.

Genauere Auskünfte hierüber sind von dem Künstler nicht zu erlangen, denn er verweigert Interviews konsequent. Jedenfalls sind die beiden Mitschnitte aus den Jahren 2005 (Mozart, Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488) und 1995 (Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30) rare Dokumente einer Konzerttätigkeit; freigegeben wohl nur auf Drängen seiner Schallplattenfirma.

Viel Auswahl scheint es nicht gegeben zu haben, wenn man die zahlreichen Flüchtigkeitsfehler im Schlusssatz des Rachmaninoff-Konzertes (live aus London) mitbedenkt.

Grigory Sokolov; © Mary Slepkova / DG
Grigory Sokolov; © Mary Slepkova / DG

Typisch Sokolov

Sokolov, kultisch verehrt wie kein zweiter Pianist der Gegenwart, war meines Erachtens immer ein Musiker, der "mit dem Hammer philosophiert". Ein Hämmerer also, durchaus, der allerdings bei Mozart und Rachmaninoff, so unterschiedlich sie sind, hierdurch für einen angemessen unsentimentalen Zugriff sorgt.

Auch sein (für mein Gefühl) zweites Manko, ein zu enges dynamisches Spektrum – fast alles spielt sich bei Sokolov zwischen Mezzo-Forte, Forte und Fortissimo ab – kann bei beiden Komponisten eher wenig Schaden anrichten. (Denn beide, so könnte man sagen, sind keine "Lyriker".)

Kommt noch ein drittes Charakteristikum hinzu: Sokolov versteht es, Rubati sehr kurz zu halten, dabei aber die Abstände zwischen den Tönen um jeweils Mikrosekunden zu beschleunigen, ohne in Hektik zu verfallen oder im Tempo grundsätzlich anzuziehen. Das ist eine geniale Fähigkeit, die neben ihm, soweit ich sehe, nur Martha Argerich beherrscht.

Nicht nur für Sammler

Das BBC Philharmonic unter Yan Pascal Tortelier war 1995 gewiss keine unüberbietbare Begleittruppe. Mit dem historischen Aplomb Trevor Pinnocks und dem Mahler Chamber Orchestra im Jahr 2005 hingegen verband sich Sokolovs Zugang erstaunlich schlüssig.

Dass er bei der auf einer DVD mitgelieferten, einstündigen Dokumentation nicht einmal der Filmemacherin Nadia Zhdanova ein Wort gönnte, obwohl diese sogar Gedichte von Sokolovs verstorbener Ehefrau Inna Sokolova ausgiebig rezitieren lässt, empfinde ich als Armutszeugnis genieästhetischer Verweigerung.

Die Zeitzeugen, die stattdessen befragt werden, können nur wenig zur Klärung beitragen. Immerhin wurden die frühen filmischen Zeugnisse aus den Sechzigerjahren (unter anderem vom spektakulär gewonnenen Tschaikowsky-Wettbewerb 1966) vermutlich vollständig ausgewertet.

Ein Sammlerobjekt also (bzw. zwei), womit dank musikalischer Lichteffekte und einer dramatischen Nüchternheit, die packend wird, indes neue Fans durchaus gewonnen werden können.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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