Son of England; Montage: rbb
Bild: Alpha

Alte Musik - "Son of England"

Bewertung:

Vielseitige und farbige Präsentation: Vincent Dumestre hat mit seinem Ensemble Le Poème Harmonique drei Werke von Purcell und Clarke neu eingespielt.

"Orpheus Britannicus" – diesen ehrenvollen Beinamen erhielt der englische Komponist und Organist Henry Purcell bereits von seinen Zeitgenossen, galt er doch in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts als führender Musiker Englands.

Ausgebildet am englischen Königshof, war Purcell in seinem kurzen Leben sehr vielseitig im Londoner Musikleben aktiv. Das Königshaus band ihn als "composer for the violins" und "Gentleman" der Chapel Royal fest in seine Dienste ein, parallel wirkte Purcell aber auch als Organist der Westminster Abbey und war als Komponist für die öffentlichen Bühnen in London sowie als Lehrer gefragt.

Freude und Trauer

Zu Purcells höfischen Aufgaben zählte die musikalische Ausstattung von Begräbnisgottesdiensten mit "Funeral Sentences". Es handelt sich hierbei um die mehrstimmige Vertonung traditioneller Gebetstexte in englischer Sprache, die im "Book of Common Prayer" für Trauergottesdienste festgelegt wurden. Mit Bibelzitaten und freien Dichtungen gedachte man damit der Endlichkeit des irdischen Lebens.

Eine besonders eindrucksvolle Folge von Funeral Sentences schuf Purcell Anfang des Jahres 1695 anlässlich des Todes der englischen Königin Mary II. Aber auch zu freudigen Anlässen war die Musik von Purcell in London gefragt, etwa zu den jährlichen Feiern der "Musical Society" am Namenstag der Heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Musik. 1683 entstand zu diesem Anlass die feierliche Ode "Welcome to all the pleasures".

Als Purcell 1695 völlig überraschend starb, war die Trauer und Bestürzung unter seinen Künstlerkollegen sehr groß. Viele Dichter und Musiker fertigten Gedenkwerke für den "Orpheus Britannicus" an. Eine besonders eindrucksvolle Komposition stammt von Jeremiah Clarke und beschreibt die Trauer über den Tod Purcells in einem metaphorischen Hirtenspiel.

Leicht und locker

Der französische Dirigent Vincent Dumestre hat mit seinem Ensemble Le Poème Harmonique jene drei Werke von Purcell und Clarke neu eingespielt. In erster Linie begeistert dabei die Leistung dieses Orchesters. Die französischen Musiker spielen die englische Barockmusik mit großer Perfektion, Transparenz und Leidenschaft. Großartig, wie leicht und locker die instrumentalen Abschnitte der Cäcilienode erklingen. Ebenso eindrucksvoll gelingt der beklemmende Trauermarsch für Queen Mary oder aber der ernste Gestus des "Farewell" von Jeremiah Clarke.

In allen Instrumentengruppen ist Le Poème Harmonique fabelhaft besetzt; kein Zweifel, dass sich hier eines der führenden europäischen Barockorchester hören lässt! Der Chor Les Cris de Paris ergänzt diesen farbenreichen Klang auf einem ebenso hohen Niveau. Die Sängerinnen und Sänger sind absolut höhen- und verzierungssicher und richten sich sehr einfühlsam nach Freud bzw. Trauer der Musik.

Ein Wermutstropfen

Erheblichen Anteil an der musikalischen Faktur haben auch die vier Vokalsolisten, die ihre Arien in den Oden ebenfalls mit großer Eleganz darbieten. In den Funeral Sentences werden die vier Sänger aber abschnittsweise als Vokalquartett mit Continuo-Begleitung eingesetzt, was nicht optimal gelingt: Die vier Stimmen sind zu individuell und erzeugen gemeinsam keinen besonders homogenen Klang, was besonders im direkten Vergleich mit dem wunderbar rein singenden Chor auffällt.

Das ist aber der einzige Wermutstropfen in einer insgesamt unglaublich vielseitigen und farbigen Präsentation englischer Barockmusik rund um Purcell.

Bernhard Schrammek, kulturradio

Weitere Rezensionen

Temmingh: Vivaldi © ACCENT
ACCENT

Alte Musik - Temmingh: "Vivaldi"

Im kunterbunten Blumen-Look präsentiert sich der Blockflötist Stefan Temmingh auf dem Cover seiner neuesten CD. Ebenso farben- und facettenreich gelingt ihm darauf die Interpretation der sechs Blockflötenkonzerte von Vivaldi

Bewertung: