Damian Marhulets: Ecartele; Montage: rbb
Bild: Neue Meister

Neue Musik - "Ecartele"

Bewertung:

Computerklänge und natürliche Instrumente verbindet der belarussische Komponist Damian Marhulets zur Musik für einen Film, der nie gedreht wurde.

Physik und Psychoanalyse

Das Album "Ecartele" erzählt in kurzen musikalischen Episoden die Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Pauli und dem Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung.

Aus dem anfänglichen Arzt-Patienten-Verhältnis – Pauli hatte Jung 1932 wegen psychischer Probleme in Zürich konsultiert – wurde eine über viele Jahre andauernde Freundschaft. Diese besondere Beziehung sollte in den Siebzigerjahren in Russland verfilmt werden, doch das Projekt wurde nie realisiert.

Atom und Archetyp

Die beiden Forscher haben sich in ihren intensiven Gesprächen und ausführlichen Briefwechseln im gedanklichen Grenzgebiet zwischen Physik und Psychologie bewegt – zwischen "Atom und Archetyp", wie ein Titel auf dem Album heißt.

Zu hören sind hier moderne Computerklänge, aber auch natürliche Töne, die das polnische Szymanowski Streichquartett beisteuert. Hinzu kommt das präparierte Klavier der ukrainischen Pianistin Marina Baranova.

Damian Marhulets, der an den Musikhochschulen von Hannover und Köln Komposition studiert hat, nennt sein Instrument schlicht "Elektronik". Gemeint sind Computer, die synthetische Klänge generieren, aber auch in intelligenter Wechselwirkung mit natürlichen Instrumenten deren Klänge aufzeichnen, verwandeln und verfremden können.

Die Elektronik des Computers liefert dem 1980 in Minsk geborenen Komponisten das digitale Handwerkszeug, um in zeitgemäßer Weise Musik für das 21. Jahrhundert entstehen zu lassen.

Marina Baranova; © Felix Broede
Marina Baranova; © Felix Broede

Ohr und Verstand

Der Albumtitel "Ecartele" ist vom französischen Verb "ecarteler" abgeleitet. Dieser Begriff bedeutet ursprünglich "vierteilen". Doch ist hier weniger die drakonische mittelalterliche Strafe gemeint, sondern eher das Prinzip der "Vierheit". Es findet sich als "Quaternion" in der Mathematik und in der Quantenphysik, aber auch in der psychoanalytischen Theorie von C.G. Jung: vier Personen, die sich kreuzförmig gegenüberstehen und in spezieller Wechselwirkung zueinander agieren.

Diese vier Personen sind in Marhulets musikalischer Erzählung Pauli und Jung, sowie dessen Assistentin Erna Rosenbaum ( "Erna's Theme") und der Mathematiker Johannes Kepler ("Chasing the Numbers").

So kompliziert die dem Album zugrundeliegenden Theorien auch sein mögen, die Musik erschließt sich mit ihrer modernen Klangschönheit ganz unmittelbar. Damian Marhulets gelingt es, mit "Ecartele" gleichermaßen Ohr und Verstand zu schmeicheln.

Hans Ackermann, kulturradio

Weitere Rezensionen

The Last Island © Delphian Records
Delphian Records

Kammermusik von Peter Maxwell Davies - The Last Island

Die letzten 40 Jahre seines Lebens hat der 2016 gestorbene britische Komponist Peter Maxwell Davies auf der Orkney-Insel "Sanday" verbracht. Unter dem Eindruck der rauen Insellandschaft im Norden Schottlands sind die meisten Kompositionen dieser CD entstanden.

Bewertung:
Paul Badura-Skoda spielt Schubert © RCA
RCA

Gesang - Paul Badura-Skoda spielt Schubert

Heute vor 90 Jahren wurde der Pianist Paul Badura-Skoda geboren. In Deutschland durchaus wohlbekannt, hat er sich trotzdem bei uns angeblich nie so richtig durchsetzen können. Warum nicht?

Bewertung: