Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonien Nr. 3 & 5; Montage: rbb
Bild: SONY Classical

Orchester - Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonien Nr. 3 & 5

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Mit dem Schubert-Zyklus ist er groß herausgekommen: der italienische Dirigent Antonello Manacorda, zusammen mit seiner Kammerakademie Potsdam. Nun hat man sich einem neuen Zyklusprojekt zugewandt.

Antonello Manacorda und die Kammerakademie Potsdam sind dabei, alle großen Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy einzuspielen. Jetzt erscheint Volume 2 mit den Sinfonien Nr. 3 und 5. Das sind die "Schottische" und die "Reformations-Sinfonie" – wie kann es auch anders sein, im Luther-Jahr.

Antonello Manacorda zu Gast im kulturradio; Foto: Gregor Baron
Antonello Manacorda zu Gast im kulturradio; © Gregor Baron

Manacordas Stempel

Manacorda hat das Orchester musikalisch weiterentwickelt. Im Orchester selbst ist die Stimmung wohl sehr gut – und diese Geschlossenheit spiegelt sich auch musikalisch wider. Hier wird sehr genau musiziert, denn man hört sich zu.

Das Orchester hat sich einen Namen neben den großen Orchestern der nahegelegenen Stadt Berlin erarbeitet. Viele Künstler, auch aus den Reihen der Berliner Philharmoniker, suchen die Mitarbeit des Orchesters für die eigenen Solo-Projekte – ein wirklich gutes Zeichen.

Die kontinuierliche Arbeit an den Zyklen schärft das musikalische Verständnis für die Musik einer bestimmten Zeit. Die Sinfonien von Mendelssohn sind im Repertoire des Orchesters – diese Konzentration tut dem Orchester gut. Und: Er ermuntert die Musiker, vor allem die Blechbläser, zu historischen Instrumenten zu greifen, um dem Klang der damaligen Zeit gerechter zu werden, den Bläsern mehr Atmosphäre, mehr Würze zukommen zu lassen.

Die Kammerakademie als Alte-Musik-Ensemble?

Ja und nein. Nein, weil es für ein Alte-Musik-Ensemble auch einen vollständig historischen Streicherapparat braucht. Das ist bei der Kammerakademie nicht gegeben. Es sind moderne Instrumente und auch Bögen, die hier gespielt werden. Da müsste man schon das gesamte Orchester umkrempeln. Man kann auch nicht so einfach auf barocke Bögen umsteigen. Dafür bedarf es viel Übung, die Bögen liegen ganz anders in der Hand. Heute braucht es ein eigenes Studium, um der großen Alte-Musik-Szene angehören zu können.

Bei den Blechbläsern sieht das aber schon anderes aus. Hier hat Manacorda bereits im abgeschlossenen Schubert-Zyklus auf alte Hörner gesetzt. Hier sind jetzt vor allem die Trompeten im Fokus.

Alt- und Neu-Trompete

Bei den alten Trompeten gab es überhaupt keine Ventile. Die Finger waren beim Spiel überhaupt nicht beschäftigt. Unterschiedliche Tonhöhen konnte man nur mit den Lippen und mit dem Luftdruck regeln – der Tonumfang war eingeschränkt.

Der Wunsch nach mehr Tönen für die Trompete brachte Instrumentenbauer dazu, zu experimentieren. Ein Wiener zum Beispiel hatte dann die Idee, die Klappentechnik, die wir von Klarinette und Oboe kennen, auf die Trompete zu übertragen – und so entstand eine Klappentrompete. Haydn hat sein Trompetenkonzert für so eine Klappentrompete komponiert, auch Hummel auch. Und später wurden die Ventile erfunden, die ganze Rohrstücke im Trompetenverlauf dazu- oder weggeschaltet haben.

Diese Zeit der Blechbläser-Instrumenten-Experimente fällt gerade in die Schumann-/Mendelssohn-Zeit, nach 1810. Damals wurden zum Teil beide Instrumente – mit und ohne Klappen bzw. Ventilen parallel in Orchestern eingesetzt. Und Mendelssohn hat in beiden hier aufgenommenen Sinfonien auch Töne für die Trompeten hineinkomponiert, die mit einer einfachen Trompete nicht spielbar sind.

So hat Manacorda, um den historischen Klang einzufangen, die Blechbläser gefragt, ob sie Lust hätten, auf die alten Instrumente umzusteigen – und die hatten Lust. Einer der Bläser spielt sogar einen Serpent. Das ist ein schlangenförmiges Instrument, das heute nicht mehr in einem Sinfonieorchester anzutreffen ist.

Flotte Tempi

Alle Romantik-Attitüden sind im wahrsten Sinne weggeblasen. Wobei die alten Blechblasinstrumente auch ein leichtes Wackeln in der Intonation aufzeigen – nicht zu perfekt soll es klingen.

Wenn man dann aber die folgenden Geigenpassagen hört, spürt man, wie genau die Musiker zusammenspielen. Das ist toll – auch wenn das Tempo für einige Hörer bestimmt ein Tick zu schnell erscheint. Manacorda folgt damit aber seinem Mendelssohn-Bild: Er will keinen jungen Mendelssohn zeigen, der à la Mozart-Wunderkind mit Blondschopf daherkommt, sondern einen ungestümen, wilden, willensstarken Mann zeigen, für den lange in Frage stand, ob ihm der Vater ein Leben in und für die Musik überhaupt gestatten würde.

Die Reformations-Sinfonie

Das Augsburger Bekenntnis ist ein Schriftstück, dass Philipp Melanchton, also der enge Lutherfreund, verfasst hat, 13 Jahre nach dem Thesenanschlag. Diese Schrift wurde in Augsburg Kaiser Karl V. vorgelegt. Damit wurde ein letzter Versuch unternommen, die reformatorischen Ideen, in die bestehende Kirche zu integrieren, also die Kirche nicht zu spalten, sondern die katholische Kirche zu reformieren. Der Kaiser hat das Schreiben aber widerlegen lassen – und so kam es dann doch zu einer Neugründung einer anderen Kirche.

Zum 300. Jubiläum dieses Ereignisses bekam Mendelssohn den Auftrag, eine Sinfonie zu schreiben. Die Uraufführung kam nur auf Umwegen zu Stande und gedruckt wurde das Werk erst viel später, daher die hohe Opuszahl. Es ist eigentlich Mendelssohns 2. Sinfonie, die aber an 5. Stelle zur Drucklegung kam.

Kammerakademie Potsdam; Foto: © Stefan Gloede / KAP
Kammerakademie Potsdam; © Stefan Gloede / KAP

Akustisches Tor in die Vergangenheit

Der teils historisch besetzte Bläserapparat passt hervorragend zu dieser Sinfonie. Es ist wie ein akustisches Tor in eine vergangene Zeit. Der letzte Satz der Sinfonie, jener Satz mit dem berühmten Choral, wäre eine großartige Musikbegleitung für das Luther-Panorama von Yadegar Asisi in Wittenberg. Dieser Satz in Manacordas Interpretation verknüpft so wunderbar das Alte mit dem Neuen. Das Historische, das bis heute wirkt.

Im letzten Abschnitt des Finales wird erneut deutlich, dass die Kammerakademie ein riesengroßes dynamisches Crescendo beherrscht – inzwischen ein besonderes Qualitätsmerkmal der Kammerakademie Potsdam.

Cornelia de Reese, kulturradio

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