Jean-Baptiste Lully: "Armide"; Montage: rbb
Bild: Aparté

Oper - Jean-Baptiste Lully: "Armide"

Bewertung:

Diese Aufnahme von Christophe Rousset wird künftig als Meilenstein der Lully-Aufnahmen gelten.

In der Serie seiner Gesamtaufnahmen von Opern Jean-Baptiste Lullys hält der französische Dirigent Christophe Rousset mit dieser "Armide" bereits an der sechsten Haltestelle. (Im Sommer soll mit "Alceste" das siebente Aufnahmeprojekt folgen.) Dieses Gesamtprojekt darf ohne Weiteres als epochal gewertet werden, zumal sich noch kein Dirigent so systematisch mit dem Hofkomponisten Ludwigs XIV. überhaupt befasst hat.

Originalität und Prachtentfaltung

Bei "Armide" (nicht zu verwechseln mit den vielen gleichnamigen Werken von Gluck, Graun, Haydn, Händel, Jommelli, Cimarosa, Rossini und sogar Dvořák) handelt es sich um die vorletzte vollendete Oper Lullys. (Im Jahr darauf, 1687, starb er; bekanntlich an den Folgen einer Fuß-Verletzung, die er sich mit dem Dirigierstock, mit dem man damals noch auf den Boden aufstieß, selbst zugefügt hatte.) Der Komponist war 1686 bereits in Ungnade gefallen, weshalb die Uraufführung der "Armide" nicht in Versailles, sondern in Paris stattfand. Lully hoffte, sich mit dem Werk um die Gunst des Königs zurückbewerben zu können, was ihn zu besonderer Originalität und Prachtentfaltung herausforderte.

Der veränderte Uraufführungsort war im Grunde ein Glück für das Werk. Denn während man in Versailles über kein Theater verfügte, sondern die Opern im Marstall (der Grande Écurie) aufführte, konnte Lully im Palais-Royal musikalisch aus dem Vollen schöpfen. 50 Sänger und 20 Tänzer müssen damals, 1686, auf der Bühne gestanden haben. Das Orchester, so räumte Christoph Rousset mir gegenüber ein, war doppelt so groß wie sein eigenes, jetziges Ensemble Les Talens Lyrique.

Mürbe & fragil

Auch dies mag sogar als Vorteil ausgelegt werden. Denn im Vergleich zu der wichtigsten Vorgänger-Gesamteinspielung (vor einem Vierteljahrhundert von Philippe Herreweghe) vermittelt Rousset ein weniger festlich gepanzertes, weniger offiziöses Klangbild, als man dies gewohnt ist. Das Werk erweckt einen viel mürberen, fragileren, psychologisch sensibleren Eindruck als zuvor.

Marie-Adeline Henry in der Titelrolle mag nicht die schönste Stimme von allen haben. Da sie keine eigentliche Barock-Spezialistin ist (sondern sonst sogar Tatjana im "Eugen Onegin" und Wagner singt), erschließt sie dem höfischen Barock hier Siedegrade sängerischer Expressivität, die man auf diesem Gebiet nicht gewohnt ist.

Sobald auch nur eine einzige Bühnenproduktion Lullys dereinst an einem renommierten Opernhaus gelungen sein wird, dürften wir uns vor Lully-Opern so wenig retten können wie heute vor Inszenierungen Händels und Mozarts. Richtig so. Allerspätestens dann wird diese Aufnahme als Meilenstein gelten.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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