Albert Lortzing: Die beiden Schützen © Relief | Montage: rbb
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Oper - Albert Lortzing: "Die beiden Schützen"

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Albert Lortzing war einst sehr populär in Deutschland; kaum ein Stadttheater, das seine Opern nicht im Repertoire hatte. Doch allmählich ist es still geworden um ihn, Hits wie "Zar und Zimmermann" oder der "Wildschütz" werden kaum noch aufgeführt. Jetzt hat ein Schweizer Label eine unbekannte Oper von ihm neu herausgebracht, "Die beiden Schützen".

Es scheint, dass jetzt, wo in Deutschland die Lortzing-Begeisterung abgeflaut ist, Interesse in der deutschsprachigen Schweiz aufflammt. Dem Schweizer Label Relief, spezialisiert auf Deutsche Spieloper mit guten Kontakten zur Lortzing-Gesellschaft, ist es gelungen, einen Schatz zu heben, der hier in Brandenburg lag, und zwar im Potsdamer Rundfunkarchiv, eine historische ostdeutsche Aufnahme aus dem Jahr 1951 mit Spitzenkräften der damaligen Zeit. Aufgezeichnet wurde in Leipzig unter dem Dirigenten Herbert Haarth. Das Ganze wurde sehr akzeptabel restauriert, die Musik erklingt in kristallklarem breiten Mono.

Lortzings erstes abendfüllendes Werk

Die beiden Schützen waren Lortzings großer Einstand an seinem Hauptwirkungsort Leipzig, die erste abendfüllende Oper, sofort ein großer Erfolg. Das Ganze eine total albern-harmlose, fast operettige Verwechslungskomödie, in der man auch nach dem sechsten Hören noch nicht ganz versteht wer mit wem und warum. Es geht – so viel ist klar - um zwei Soldaten, deren Taschen bei einer Wirtshausrauferei vertauscht werden, so dass sie in der Kleinstadt für einst ausgewanderte Söhne des Bürgermeisters gehalten werden.

Lortzing, am Anfang seiner großen Karriere, schreibt mit Enthusiasmus und einem Charme, der heute noch wirkt, mag das Verwirrspiel selbst recht abgeschmackt sein, musikalisch finde ich das Werk überhaupt nicht angestaubt; im Gegenteil, die Musik wirkt zum Teil frischer als in späteren tümelnden Werken wie Waffenschmied oder Hans Sachs, weil eben der Komponist noch ganz unverbraucht und fast naiv sein Talent verströmt.

Naivität, wohlgemerkt, im Erfinden volksliedhafter Melodien, nicht im strukturellen Sinne - es ist bewundernswert, wie er sich hier mutig in Ensembles stürzt, und schon im ersten großen Werk keinen Zweifel daran lässt, dass er das deutsche Singspiel mit seinen ewigen Trällerliedern komplett entrümpeln will und wird; die Oper hat 16 Gesangsnummern, davon sind 10 Ensemble, mehr als die Hälfte, das ist schon beeindruckend, und viele Nummern haben einen fast schon operettenhaften Schwung.

Konservierte Meisterschaft

Aufgeführt wird die Oper nicht mehr, weil der Stoff einfach zu banal ist, trotz der schönen Musik.   Es gibt aber noch zwei andere historische Aufnahmen, fast zur selben Zeit entstanden, was kein Wunder ist, denn 1951 war der 100. Todestag von Lortzing. Eine kommt von Bayerischen, eine vom Hessischen Rundfunk – beide sind viel prominenter besetzt.  Die andern warten mit größeren Namen auf: Richard Holm, Benno Kusche, Karl Schmitt-Walter etc.

Trotzdem hat diese Leipziger Aufnahme für mich die beiden anderen sofort ausgestochen, denn es scheint die authentischste zu sein: kaum Striche, alle 16 Nummern plus der 3 Orchesterstücke sind da, auch die meisten Reprisen, eine stilistisch ganz erstaunlich seriöse Aufnahme, mit einem wirklich fantastischen Lortzing-Dirigenten, der den Witz der Lortzing-Musik duch feine und spitzbübische Tempowechsel lebendig macht. Das ist auch nicht schlechter als Heger oder Schüchter.

Grade weil man das Werk vermutlich nicht wiederbeleben kann und es hier in dieser Aufnahme glänzend konserviert ist, sollte der Opernfan hier zuschlagen. Denn man muss dran glauben, um diese Musik perfekt hinzukriegen, und dafür muss man wohl, wenn nicht im Jahr 1837, so doch wenigstens im Jahr 1951 leben. So stilistisch brillant und distanzlos jedenfalls wird man es nicht wieder hinbekommen im 21. Jahrhundert. Das sind exzellente Sänger  am Start: Gert Lutze etwa, ein sehr akzeptabler Tenor, oder Ursula Richter, einer der großen Stars der Komischen Oper. Auch die kleineren Rollen sind durchaus gut besetzt.

Das ist Musik für singende Schauspieler, und schauspielern konnten damals fast  alle Opernsänger in den 50er Jahren. Mir jedenfalls haben die Schützen knappe 2 Stunden lang größtes Vergnügen bereitet, auch weil die Produzenten vor 66 Jahren so gnädig waren, den kruden Text auf ein Minimum zu kürzen.

Matthias Käther, kulturradio

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