Viktor Ullmann: Klavierkonzert | Klaviersonate Nr. 7 | Variationen op. 3a; Montage: rbb
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Klavier - Viktor Ullmann: Klavierkonzert | Klaviersonate Nr. 7 | Variationen op. 3a

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Sein Klavierkonzert hat der österreichische Komponist 1939 noch in Freiheit komponiert. Die Klaviersonate Nr. 7 aber entstand 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt – wenige Monate bevor Viktor Ullmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

1898 als Sohn jüdischer Eltern in Östereichisch-Schlesien, im heutigen Polen, geboren, hat Ullmann ab 1918 in Wien bei Arnold Schönberg studiert. In Prag arbeitete er danach erfolgreich als Dirigent und Komponist. Gefördert von Alexander Zemlinsky entwickelte Ullmann in den Zwanziger- und Dreißigerjahren eigene ästhetische Positionen zwischen Tonalität und Atonalität, die er selbst als "Polytonalität" bezeichnet hat.

Geistige Freiheit

Die Werke der CD präsentieren verschiedene Stadien dieser künstlerischen Entwicklung, von den frühen, noch an Schönberg orientierten Variationen op. 3a, bis hin zum Klavierkonzert von 1939 und zur Sonate Nr. 7 aus dem Jahr 1944. In diesem letzten großen Werk hat sich Ullmann zumindest künstlerisch eine Freiheit bewahrt, die ihm in physischer Hinsicht zu jenem Zeitpunkt von den Nationalsozialisten schon für immer genommen worden war.

Produktiv

Nach der Annexion der Tschechoslowakei im März 1939 war Ullmann 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Dort hat er als Dirigent und Pianist Konzerte für die Lagerinsassen organisiert und buchstäblich "um sein Leben komponiert". Als Komponist konnte er so bis zu seiner Ermordung 1944 noch mehr als zwanzig Werke fertigstellen, darunter eine Oper und drei große Klaviersonaten.

Kontrapunkt

Wie alle Schönberg-Schüler verfügte Viktor Ullmann über hervorragende Kenntnisse der kontrapunktischen Satztechnik. Er war dadurch in der Lage, moderne Fugen und Fugatos zu schreiben und komplexe selbstständige Stimmverläufe zu kreieren, die im dritten Satz des Klavierkonzerts für einen Höhepunkt dieser expressiven Komposition von 1939 sorgen.

Die Dortmunder Philharmoniker zeigen hier im präzisen Zusammenspiel mit dem Solisten ihre hervorragenden Qualitäten. Der Dirigent Gabriel Feltz kann bei dieser Aufnahme auf die Vorzüge eines Ensembles zurückgreifen, das in früheren Jahren von Marek Janowski geleitet wurde und heute ganz zurecht einen Status als A-Orchester genießt.

Überlebenswille

Der Rhythmus zu Beginn des Klavierkonzertes wirkt gehetzt und gejagt. Man ist geneigt, diesen musikalischen Ausdruck mit den tatsächlichen Lebensumständen des verfolgten Komponisten in Zusammenhang zu bringen. Doch wie ist der durchaus heiter wirkende erste Satz der Sonate Nr. 7 von 1944 zu deuten? Hat Ullmann hier mit musikalischen Mitteln Mut und Überlebenswillen zu Ausdruck gebracht ?

Das Werk, das von Moritz Ernst mit Klarheit und Präzision gespielt wird, endet jedenfalls mit einem atonal verfremdeten Scherzo und den abschließenden "Variationen und Fuge über ein hebräisches Volkslied".

Zum letzten Mal hat Viktor Ullmann hier seine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts gezeigt, wenige Wochen nach der Vollendung dieser Sonate wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überführt.

Vergessen

Die in Theresienstadt komponierte Oper "Der Kaiser von Atlantis" ist im Übrigen erst 1975 in Amsterdam uraufgeführt worden, in Deutschland noch viel später, 1989, in der Neuköllner Oper in Berlin.

Hans Ackermann, kulturradio