Ania Dorfmann: "The Complete RCA Album Collection"
Bild: RCA

Klaviermusik - Ania Dorfmann: "The Complete RCA Album Collection"

Bewertung:

Mit dieser CD-Sammlung begegnet man einer raren Meisterin der musikalischen Pointe. Wunderbar!

Die amerikanische Pianistin Ania Dorfmann (1899-1984) wurde bekannt als erste Instrumentalistin, die mit Arturo Toscanini Schallplattenaufnahmen machte. Die aus der Ukraine stammende Künstlerin war 1938 ganz nach Amerika emigriert, nachdem sie schon in London mit John McCormack, Thomas Beecham und Willem Mengelberg konzertiert hatte. Als Lehrerin an der Julliard School (und als Freundin von Vladimir Horowitz) war sie fester Bestandteil der New Yorker Musiker-Szene, was in Gestalt einigen Glamours auf sie abgefärbt hat. 1947 brachte sie Barbara Stanwyck für die Remarque-Verfilmung "The Other Love" das Klavierspielen vor der Kamera bei.

Qualitäten, die sich heute nicht mehr finden

Den virtuosen Aplomb, den Dorfmann beherrscht, konterkariert sie gern mit Lässigkeiten, charmanten Irreführungen und skurrilen Rubati, an denen man das Timing, das Hakenschlagen und die Kunst der Pointierung bewundern muss. Es sind Qualitäten, die ich bei nicht einem einzigen Pianisten der Gegenwart zu finden wüsste.

Humoristisch sattelfeste Pianistin

Neben den Beethoven-Aufnahmen unter Toscanini, die in dieser 9-CD-Box gleichfalls enthalten sind, bekommt man erst jetzt die Gelegenheit, das Werk dieser überaus lakonischen, ja humoristisch sattelfesten Pianistin zu entdecken. Erschienen ist das in einer jener Vintage-Boxen, in der parallel auch andere amerikanische Künstler wie Lili Kraus, Erick Friedman und John Browning derzeit preiswert und doch stilvoll mit eigenen Gesamtausgaben gewürdigt werden.

In aller Doppelbödigkeit spielt Dorfmann in den Aufnahmen, die für unter 30 Euro zu haben sind, sämtliche Chopin-Walzer und Mendelssohns "Lieder ohne Worte", von Beethoven die "Pathetique", die "Mondschein-Sonate", das 1. Klavierkonzert und die Chor-Phantasie (die letzten beiden unter Toscanini). Hinzu kommen Kleinigkeiten wie das Grieg-Konzert (unter Leinsdorf) sowie Stücke von Tschaikowsky ("Die Jahreszeiten", "Album für die Jugend"), Liszt, Schumann und Menotti (der Pianistin gewidmet).

Nicht nur die Dame selbst verströmt optisch die Grandezza einer russischen Klavierlehrerin, die das Rouge-Auflegen gelernt hat. Man begegnet in ihr eine raren Meisterin der musikalischen Pointe. Wunderbar!

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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