Rossini: Sigismondo
Bild: Naxos, Montage: rbb

Oper - Gioachino Rossini: "Sigismondo" und "Adelaide di Borgogna"

Bewertung:

Jedes Jahr im Juli findet im Schwarzwaldstädchen Bad Wildbad ein Rossini-Opern-Festival statt, und viele der Aufführungen landen später auf der CD. Jetzt sind gleich zwei Rossini-Opern aus Bad Wildbad kurz hintereinander bei Naxos erschienen, sehr selten gespielte, nämlich Sigismondo (1814) und Adelaide di Borgogna (1817).

Adelaide ist eine schlechte Oper. Rossini war total ausgebrannt, nach drei Meisterwerken hintereinander in einem Jahr, Aschenbrödel, Diebische Elster und Armida, folgte eine eher blutarme, zusammengeflickte Adelaide für Rom, erstaunlich kurz und strukturell ziemlich belanglos, verglichen mit den gewaltigen Reformen in den vorangegangenen Werke. Doch – das ist mein Lieblingssatz vom Opernkritiker Ernst Krause – ein Genie bleibt auch dann ein Genie, wenn es keine Lust hat. Einige Nummern, vor allem die Duette und das Terzett,  sind mehr als nur gelungen.

Rossini: Adelaide di Borgogna
Naxos, Montage: rbb | Bild: Naxos, Montage: rbb

Das Beste kennt man irgendwoher

Ganz anders Sigismondo – ein frühes Meisterwerk, das aber durchfiel. Eine völlig verrückte Oper im wahrsten Sinne des Wortes mit einem wahnsinnigen König als Hauptfigur, der von einer Mezzosopranistin gesungen wird – ein Werk, das ich persönlich zu meinen Lieblingsopern von Rossini zähle. Die Handlung und die stolprigen Verse waren damals als Affront, heute sind sie extrem modern und wirken fast wie ein Vorgriff auf die schwarze Romantik eines Moniuszko oder Mercadante. Das Problem: – weil das Werk durchgefallen ist, hat Rossini es gnadenlos ausgeschlachtet, auch für den Barbier. Das Beste kennt man leider schon irgendwoher.

Die Jungen Wilden des Belcanto

In den letzten Jahren bemühte sich Wildbad verstärkt um die "kleinen", wenig bekannten Opern Rossinis. Eigentlich ein verlorenes Schlachtfeld, sollte man denken, und wozu auch, wo doch noch so viele große und gute übrigbleiben. Doch das Festival packt das ganze genau richtig an. Flucht nach vorn: Kein wichtigtuerisches Zelebrieren angeblich hochwertiger verkannter Meisterwerke, sondern turbulent inszenierte, mit jungen Sängern besetzte Belcanto-Spektakel, die man nicht beschädigen kann, weil sie nicht zum Kanon gehören. Musik zum Austoben. Das klingt nicht immer perfekt, aber oft so lebendig, dass ich mich dabei ertappe, viele Naxox-Rossini-Opern aus Bad Wildbad lieber und öfter zu hören als die profunder besetzten aus Pesaro oder der Scala.

Eine fulminante Margarita Gritskova

Den neuen Sigismodo hab ich schon dreimal aufgelegt, die fulminante Margarita Gritskova in der Titelpartie (sie rockt auch souverän den Ottone in der Adelaide) Maria Aleida als Aldimira und Kenneth Tarver als Ladislao präsentieren das schrille Werk flotter und kurzweiliger als die gediegeneren Solisten in Pesaro (und sind auch etwas saftiger als die Sänger der verdienstvollen, aber etwas dünnlippigen Bonynge-Aufnahme).

Adelaide war schwächer besetzt – Ekaterina Sadovnikova in der Titelpartie ist leicht überfordert, und auch der extrem schönstimmige Tenor Gheorghe Vlad wackelt  noch etwas  in den  Höhen. Insgesamt ist das alles aber – auch wegen der aggressiven Tempi, die Antonio Fogliani und Luciano Acocella am Pult in bester Zedda-Tradition anschlagen, sehr genießbarer Belcanto der jungen wilden Art. Unbedingt noch erwähnenswert: Die lesenswerten, wie immer sehr profunden Einführungstexte eines der besten deutschen Rossini-Kenner, Reto Müller.

Matthias Käther, kulturradio

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