Die Orgeln der Thomaskirche Leipzig © Rondeau
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Solist - "Die Orgeln der Thomaskirche Leipzig"

Bewertung:

Orgelmusik aus der Leipziger Thomaskirche? Da denkt man natürlich sofort an Bach, den größten Thomaskantor der Geschichte. Aber diese CD bietet noch weit mehr

Die beiden Instrumente der Thomaskirche stammen aus zwei unterschiedlichen Epochen. Die eine ist die sogenannte Bach-Orgel, erbaut von Meister Gerald Woehl aus Marburg an der Lahn im Jahr 2000. Das ist der Nachbau eines Instruments, das Bach unter den Fingern gehabt haben könnte. Die andere, die große Orgel, ist über 100 Jahre alt und stammt vom bedeutendsten Meister der Spätromantik, Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder, eine kleinere Schwester der Berliner Domorgel und damit ein sinfonisches Instrument erster Güte.

Thomasorganist Ullrich Böhme ist ein ganz herausragender Bachspieler. Er macht das komplizierte Geflecht der Linien genial durchhörbar - mittels cleverer Registrierung, aber auch durch sein sehr musikantisches Spiel in der Triosonate 6 G-Dur.

Im Jahr 1889 hat Meister Wilhelm Sauer die große Orgel eingebaut, unter der Ägide des damaligen Thomaskantors Wilhelm Rust. Für sie schrieb u.a. der damalige Leipziger Universitätsmusikdirektor Max Reger bahnbrechende Werke. Die Orgel hat die Zeitläufe relativ unbeschadet überstanden. In den 1960er Jahren entsprach ihr romantisches Klangbild zwar nicht mehr dem Zeitgeschmack. Aus Geldmangel hat man sie jedoch zum Glück nicht abgerissen, nur einige wenige Register wurden verändert. Größerer Eingriffe hat Hannes Kästner, der damalige Thomasorganist verhindert, das muss man ihm aus heutiger Sicht sehr hoch anrechnen.

Ein optimaler Eindruck

An der Sauer-Orgel hat Ullrich Böhme u.a. der sechs Sonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy - und ein sehr spannendes Stück, den "Fest-Hymnus" op. 20 von Carl Piutti.

Dieser Komponist stammte aus Thüringen, war um 1900 Thomasorganist, also ein Amtsvorgänger von Ullrich Böhme und der war kompositorisch absolut auf der Höhe seiner Zeit. In der Komposition hört man Richard Wagner, aber auch schon Richard Strauss.

Die Sauer-Orgel wird heute übrigens von einem märkischen Orgelbauer gepflegt, nämlich Christian Scheffler aus Sieversdorf bei Frankfurt an der Oder. Er hat dem Instrument auch ihren authentischen, romantischen Klang zurückgegeben, den man auf dieser CD unverfälscht genießen kann…

Orgel-CDs gelten - vorsichtig gesagt - als Nischenprodukt, sind aber eher ein Produkt für Individualisten. Denn auch Kirchenorgeln sind Individuen. Jede ist anders. Keine gleicht der anderen, jedes Instrument ist, auf jeden Fall was große Hauptkirchen betrifft, ein individuell angefertigtes Einzelstück. Und nirgendwo gibt es auf so engem Raum so viele Instrumente wie in Deutschland. So hat die deutsche UNESCO-Welterbekommission im letzten Jahr den Orgelbau, die Orgelkultur und die Orgelmusik als Vorschlag eingereicht hat für die Liste des immateriellen Kulturerbes. Ende des Jahres wird über die Aufnahme entschieden.

Und die Leipziger Thomaskirche ist natürlich aus mehreren Gründen exemplarisch für Deutschlands Orgelkultur - mit zwei Instrumenten aus zwei Epochen: Romantik und Moderne. Das große romantische Instrument von Wilhelm Sauer und das kleinere im Barockstil von Gerald Woehl ergänzen sich hervorragend. So kann Thomasorganist Ullrich Böhme heute sämtliche Kompositionen seiner zahlreichen Amts-Vorgänger adäquat aufführen. Die neue CD vermittelt davon einen optimalen Eindruck!

Claus Fischer, kulturradio

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