Fritz Busch at Glyndebourne; Montage: rbb
Bild: Warner Classics

Oper - Fritz Busch at Glyndebourne

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Wenn es um historische Mozart-Opernaufnahmen geht, dann gibt es viele bewunderte Einspielungen. Die Glyndebourne-Opern unter Fritz Busch (1934-36) haben allerdings ganz besonderen Kultcharakter. Jetzt sind alle diese Mozart-Opernaufnahmen in einer Box vereint.

Das ist ein historischer Moment, im doppelten Sinne! Sie überhaupt in der Hand halten zu können, ist erhebend. Das meine ich gar nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz haptisch. Dieses große Erbe besteht aus 60 Schellack-Platten und zwei LPs. Die Schellacks waren bleischwer, das hätte man als einzelner Sammler vermutlich überhaupt nicht anheben können. Und jetzt wiegt das Ganze ein paar Gramm, im Regal nicht mehr Platz wegnehmend als ein normales Buch!

Die ersten Mozart-Gesamtaufnahmen überhaupt

Fritz Busch ist wahrscheinlich mit der Idee aufgebrochen, im englischen Glyndebourne alle großen Mozart-Opern aufzunehmen. Geschafft hat er bis zu seinem Tod 1951 die drei da-Ponte-Opern komplett, (also Le nozze di Figaro, Don Giovanni und Cosí fan tutte) plus zwei Querschnitte aus den Fünfzigern, noch einmal Cosí, und – eine Rarität – ein später Idomeneo-Querschnitt mit Sena Juranic, der der bisher nie auf CD erschienen ist.

So unglaublich das ist, aber vor Fritz Busch hatte niemand die Idee, die drei großen italienischen Mozart-Opern überhaupt komplett aufzunehmen. Das heißt, vor 1934 gab es skandalöserweise keine einzige Mozart-Gesamtaufnahme, obwohl die Plattenindustrie seit 1907 regelmäßig Gesamtaufnahmen anbot. Genau genommen entstand die deutsche "Don Giovanni"-Aufnahme von Keilberth ein paar Monate früher als Buschs "Giovanni", aber für den internationalen Markt spielte das keine Rolle.

Allein die Weltersteinspielung der "Cosí" ist eine Heldentat. Diese Oper wurde bis in die Dreißigerjahre hinein überhaupt nicht ernst genommen. Und man kann sagen, dass die Aufführungen in Glyndebourne und die daraus resultierende Studioaufnahmen die eigentliche "Cosí fan tutte"-Rezeption des 20. Jahrhunderts begründet hat. Das ist natürlich auch beim Anhören zu spüren. Damals hatten die Sänger trotz einiger Referenzschellacks noch nicht diese Bürde früherer Aufnahmen mitzutragen. Und diese Frische und Abenteuerlust hört man in jeder Minute.

Verspieltes Orchester, nonchalante Sänger

Die Leichtigkeit und Verspieltheit im Orchester sind ein weiteres Highlight dieser Aufnahmen. Busch, sehr an Richard Strauss‘ Mozart-Interpretationen orientiert, wird so ein wirklich wichtiges Bindeglied zwischen Strauss und Suitner – und bleibt bis heute eine gesunde Mozart-Alternative zu Karajan, Böhm und Co.

Hinzu kommen die Nonchalance und der Teamgeist der Sänger. Alle singen, als hätten sie von Schwierigkeiten bei Mozart noch nie etwas gehört. Auch wenn wir heute Mozart anders wahrnehmen, verwöhnt durch die historische Aufführungspraxis, bleibt die Lebendigkeit und Verve dieser Sitzungen wohl für immer unangefochten. Trotz manch sonderbarer Koloratur, kleinerer Stimmen in den Nebenrollen und dumpfem Piano beim Rezitativ – das Projekt als Ganzes hat Ewigkeitswert.

Leichte, formschöne Box

Warner, schon nach kurzer Zeit weit mehr als nur tumber Schatzkisten-Durchwühler des geerbten EMI-Archivs, hat eine schlanke, ästhetisch schöne Box kreiert, mit einem zwar schmalen, aber präzisen Booklet und sehr guten Texten. Die Aufnahmen wurden stark entrauscht. Mir, der es gern mal knistern hört, ist das schon fast wieder zu sauber gefiltert. Doch das ist Geschmackssache. Ansonsten kann man die Box nur allumfassend bejubeln.

Matthias Käther, kulturradio

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