Vincenzo Bellini: "Bianca e Gernando"; © Naxos
Bild: Naxos

Oper - Vincenzo Bellini: "Bianca e Gernando"

Bewertung:

Vincenzo Bellini, frühverstorbenes Opern-Genie, hat nur wenige Opern hinterlassen,  von denen die meisten oft und gern wieder gespielt werden. Mit Ausnahme seiner ersten beiden Opern. Eine davon ist jetzt bei Naxos erschienen: "Bianca e Gernando".

Diese "frühen" Belinis sind hörenswert! Dieser Meinung scheint zumindest die Plattenindustrie zu sein, denn gleich beide Erstlinge sind dies Jahr auf CD erscheinen. Erst vor wenigen Monaten kam bei Opera rara "Adelson und Salvini" heraus, Bellinis allererste Oper, die er für seine Studentenbühne in Neapel geschrieben hat, und nun also "Bianca e Gernando", seine erste Oper außerhalb des Campus, ganz offiziell uraufgeführt 1826 am damals größten Opernhaus der Welt, dem San Carlo in Neapel.

Noch kein welterschütternder Triumph wie ein Jahr später mit dem "Piraten", aber doch ein außergewöhnlich großer Erfolg für einen Komponisten am Beginn seiner Laufbahn. Die Einspielung zeigt, dass Bellini schon als 25-Jähriger im Vollbesitz seiner kreativen Möglichkeiten ist – er sucht noch nach seinem ganz persönlichen Stil, aber an seinem Können ist nichts zu deuteln, das ragt schon hier über die meisten Zeitgenossen hinaus.

Frühvollendet

Anders als viele Kollegen hat Bellini sich extrem schnell weiterentwickelt, schon mit seiner nächsten Oper "Il Pirata" wird er seinen typischen Bellini-Stil vollendet haben. Er hat nicht länger als drei Jahre für eine Entwicklung gebraucht, die für andere Jahrzehnte beansprucht. Insofern sind seine ersten beiden Opern extrem spannend als klingende Werkstatt, weil man hier, seine Reformbestrebungen deutlicher erkennt als in den vollendeten Werken - die Hilfslinien sind noch nicht weggewischt worden. 

Natürlich ist hier formal vieles noch ganz klassisch, an Rossini angelehnt, aber viel wird schon kühn in typischen Bellini umgeschmolzen. Etwa die Cabaletta des Filippo, die oberflächlich gesehen dem konventionellen Muster folgt, also schneller forscher Abgesang mit Chorbegleitung ist, aber Bellini lässt den Sänger die Verse sehr merkwürdig repetieren, so dass ein sehr hitziger, extrem exaltierter Effekt entsteht; er wandelt die rossinische Schablonenfigur rhythmisch in eine echte Person um – das singt ein Usurpator, der glaubt, alle Feinde beseitigt zu haben und nur unumschränkt herrschen zu können, doch in diesen triumphalen Ton mischt in eine Spur geistige Umnachtung, in der sich die italienische Romantik unüberhörbar ankündigt.

Originalfassung erstmals auf CD

Bellini hat diese Oper 1828 noch einmal stark revidiert (als "Bianca e Fernando"). Diese revidierte Fassung ist allerdings schon zweimal aufgenommen worden. Hier liegt erstmals die Originalfassung vor, so, wie sie 1826 über die Bühne ging.

Vor dem Anhören der CD  war ich skeptisch – warum eine ungehobelte Version aus der Versenkung holen, wenn der um Welten reifere Bellini zwei Jahre später arge Rauhheiten getilgt hat? Doch die Erstfassung hat durchaus seine Berechtigung auf der CD, nicht nur weil man eben den Werktstatteinblick in die ungeglättete Jugendarbeit bekommt, sondern weil es manchmal von Vorteil ist, als Newcomer die Konventionen nicht zu kennen – denn vieles in der Zweitfassung ist zwar eleganter, aber auch angepasster – die neue Fassung endet zum Beispiel mit einer hübschen, aber routinierten Schlussarie für die Primadonna, während der Erstfassung – recht ungewöhnlich für die Zeit – mit einem stürmischen Ensemble endet.

Gelungene Umsetzung

Der Mitschnitt kommt mal wieder vom Rossini-Festival in Bad Wildbad, wo sich inzwischen ein eigener Zweig abgespalten hat, der nur noch lose mit Rossini zusammenhängt. Dort werden auch Opern aufgeführt, die zwar zur Belcanto-Tradition gehören, aber eben oft Gegenbilder oder Weiterentwicklungen der Rossini-Ästhetik darstellen.

Wie auch schon in den letzten Jahren hat man für die Nicht-Rossinis sehr viel Mühe aufgewendet und ein tolles Ensemble zusammengestellt, allen voran den jungen großartigen Belcanto-Tenor Maxim Mironow, der eigentlich Held des Abends, wie immer leicht und sicher in den abenteuerlichen Höhen; aber auch mit Bianca Silvia Della Benetta und dem Bariton Vittorio Prato stehen Sänger auf der Bühne, die sich vor der Festivalkonkurrenz in Bergamo, Martina Franca oder Wexford nicht fürchten müssen. Antonio Fogliani am Pult schlägt keinen larmoyanten, sondern einen sehr feschen Ton an, der dem Sizilianer Bellini sehr gerecht wird – das ist für ein Frühwerk Bellinis ein Treffer ins Schwarze, ganz ohne Abstriche.

Matthias Käther, kulturradio

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