Alexander von Zemlinsky: Die Seejungfrau; Montage: rbb
Bild: cpo

Orchester-Fantasie nach Hans Christian Andersen - Alexander von Zemlinsky: "Die Seejungfrau"

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Er stand lange im Schatten seines weltberühmten Schwagers Arnold Schönberg: der Komponist und Dirigent Alexander von Zemlinsky. Inzwischen ist der größte Teil seines Werkes auf CD zu haben. Jetzt ist seine Orchesterfantasie "Die Seejungfrau" bei cpo erschienen.

Die Erzählung war in vielen Spielarten in Europa bekannt, bevor Andersen es in Märchenform gebracht hat. Diese dreiviertelstündige Orchesterversion folgt nicht nur dem Andersen-Märchen, sondern zeigt auch starke Verwandtschaft mit der Rusalka-Oper von Dvořák. Die Seejungfrau bittet eine Hexe, ihr Füße zu verleihen, dafür kann sie aber nicht sprechen. Und so verliert sie den Prinzen und muss mit ansehen, wie er eine irdische Schönheit heiratet.

Zemlinsky war ein begnadeter Operndirigent, der von seinen Zeitgenossen vor allem in dieser Funktion gesehen wurde: Er stand beispielsweise am Pult der umjubelten Mahagonny-Oper von Brecht und Weill. Außerdem war er ein enger Freund von Arnold Schönberg, der schließlich sogar Zemlinskys Schwester heiratete. Der ewige Vergleich mit Schönberg verstellte allerdings oft den Blick auf den stilistisch ganz anders ausgerichteten, aber ähnlich hochbegabten Zemlinsky.

Gerade diese Orchester-Fantasie von 1902 zeigt das glänzend: Zemlinsky ist seine eigenen Wege gegangen, seine Musik hat dunkle, sehr schwärmerische, aber auch merkwürdig verwinkelte Züge. Oft durchblitzt das tönende Meeresgewoge eine seltsam wehmütige, hochromantische Ironie, die schwer in Worte zu fassen und E.T.A. Hoffmann nicht unähnlich ist.

Eigenständiges Genie

Das Faszinierende für mich an diesem Werk: Es ist eine Oper ohne Worte, viel melodramatischer als Richard Strauss' sinfonische Dichtungen (deren Einfluss Zemlinsky natürlich nicht verleugnen kann – doch wer erlag diesem Einfluss nicht in jenen Tagen um 1900?)

Die dreisätzige Fantasie folgt zwar formal sinfonischen und programm-musikalischen Konzeptionen, aber Leitmotivik, Melodik und die Zuordnung bestimmter Emotionen der Figuren zu Instrumenten ist sehr opernhaft. Die Schwebe zwischen sinfonischen und musikdramatischen, ja zuweilen sogar balletthaften Zügen macht das Stück so originell. Bei aller Raffinesse schreibt Zemlinsky für ein großes Publikum – oder wünscht sich zumindest eines. Das Ganze wirkt heute fast wie der Soundtrack zu einem Animationsfilm.

Seejungfrau mit Wiener Charme

Erstaunlicherweise ist das Stück für ein Werk, das erst seit Mitte der 1980er Jahre wieder im Repertoire der Konzertsäle auftaucht, erstaunlich oft eingespielt worden. Mir sind fünf frühere Aufnahmen bekannt. Ich empfinde diese hier als mit die schönste und sinnlichste, um nicht zu sagen schwelgerischste – für mich wieder mal ein Zeichen dafür, dass wir es bei Cornelius Meister um einen echten Könner des Faches unter den jüngeren Dirigenten zu tun haben.

Cornelius Meister geht nächstes Jahr nach Stuttgart an die Oper, da kann man die Stuttgarter nur beneiden. Er hat hier unendlich viel für Zemlinsky getan, weil der Komponist wirklich so präsentiert wird, wie er es das verdient: als eigenständiges Genie mit eigener Sprache und einer Musik, die mit ihrer Emotionalität, ihrem Kalkül, ihrer orchestralen Pracht durchaus auf Augenhöhe mit Strauss und Schreker erscheint. Und ein Wiener Orchester, das es wirklich einmal schafft, den spezifisch wienerischen Ton Zemlinskys hörbar zu machen! Wirklich eine absolut umwerfende Produktion!

Matthias Käther, kulturradio

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