Un italiano a Londra © Musica viva records
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Alte Musik - "Un italiano a Londra"

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Der italienische Geiger Giuliano Carmignola bemüht sich immer mal wieder um musikalische Ausgrabungen. Lag er mit den Violinkonzerten von Felice Giardini richtig?

Der Geiger und Komponist Felice Giardini (1716–1796) dürfte bislang eher nur einem kleinen Spezialistenkreis bekannt sein. Er stammt aus Turin, wurde in Italien ausgebildet und wanderte 1750 nach London aus, wo er rund drei Jahrzehnte lang einer der führenden Musiker war. Giardini konzertierte solistisch, leitete das Opernorchester, fungierte aber auch als Impresario, Komponist und Lehrer.

Giardinis Violinkonzerte

Im Jahre 1771 veröffentlichte Felice Giardini in London einen Druck mit sechs Violinkonzerten. Diese Werke waren damals ganz offenbar sehr populär, da sie sich häufig auf den Programmen der Abonnementskonzerte in der florierenden Konzertmetropole London wiederfinden. Formal stehen die Werke noch ganz in der barocken Tradition mit zwei schnellen Rahmensätzen und einem langsamen Mittelsatz. Freilich ist die Melodiebildung nicht mehr so gestaltet wie bei den vielen Violinkonzerten Vivaldis, sondern sie orientiert sich an einem gefälligen, galanten Stil. Das Soloinstrument wird geeignet in Szene gesetzt und kann unangefochten brillieren. Das war es dann aber auch schon. Die Violinkonzerte von Giardini (übrigens alle in Dur verfasst) sind in ihrer Stilistik beinahe austauschbar, die Themen nicht individuell genug, dass etwas hängenbleibt, und auch virtuose Effekte halten sich stark in Grenzen.

Schwache kompositorische Substanz

Der italienische Geiger Giuliano Carmignola nimmt sich dennoch dieser Konzerte an und spielt sie auf seiner neuesten CD komplett ein. Technisch gibt es nichts zu mäkeln, denn Carmignola hat nach wie vor einen schönen Ton, aber dennoch bleiben die Stücke allesamt harmlos. Vielleicht hätte doch noch mehr hinsichtlich des Tempos und der Themengestaltung forciert werden können, vielleicht müssten auch noch ein paar mehr Akzente von der begleitenden Accademia dell Annunciata kommen. Aber es ist wohl insgesamt zu befürchten, dass die kompositorische Substanz der Giardini-Konzerte einfach nicht mehr hergibt.

Das zeigen auf ihre Weise auch die beiden kurzen Zusatzstücke von Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel, die auch noch auf der CD Platz fanden. Hier herrscht plötzlich ein ganz anderer, wacher musikalischer Geist. Insofern hätte auch ein Konzert von Giardini als Dokument ausgereicht.

Bernhard Schrammek, kulturradio

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