Mozart: Il sogno di Scipione © Signum Classics
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Oper - Mozart: Il sogno di Scipione

Bewertung:

Nicht alles, was Mozart komponierte, ist genial. Besonders im Frühwerk finden sich viele routinierte Gelegenheitsarbeiten. Ist da trotzdem noch was zu retten? Ja! Findet eine enthusiastische britische Opern-Truppe – und hat Recht.

Schon mal sehr sympathisch: Der Dirigent dieser Aufnahme Ian Page bietet in seinem Booklet-Text  diese obskure Oper nicht an wie sauer Bier. Er hält den Ball flach. Und macht keinen Versuch, aus einer der schlechtesten Opern aus Mozarts Feder ein sensationelles Meisterwerk heraus zu deuten. Die überstrapazierte Floskel "Zu Unrecht vergessen" wird nicht benutzt.

Steifes Auftragswerk

Sachlich denkt  er darüber nach, was hier falsch gelaufen sein könnte und hat eine interessante Idee. Dieses Werk war eine Huldigungsoper für einen Salzburger Fürstbischof, also so ziemlich das ultrakonservativste, was man sich an Events im 18. Jahrhundert überhaupt vorstellen kann: Da konnte man nicht mit einem sinnlichen Werk ankommen, das auch nur im entferntesten lebensrelevante Themen anschlug, und menschliche Leidenschaften über Gebühr strapazierte.  Und so flüchtet sich das Libretto auch in die Traumwelt der Allegorie, es passiert buchstäblich nichts, das ist fast ein Oratorium, und auch formal ist das alles sehr steif und erschreckend anständig.

Der 16jährige Mozart konnte es eigentlich besser. Er hatte grade Triumphe im Mailand gefeiert mit Mitridate, und dort hatte er einen ganz andern Ton angeschlagen. Hier ist er sehr formell, lässt sich auf keine Experimente ein und versucht den Auftrag würdig umzusetzen, dabei kommt eben eine sehr elegante, gravitätische Musik heraus, aber die großen Emotionen fast ganz.

Nur selten blitzt etwas vom späteren Meister auf,  etwa im pompösen Chor Nr. 4, in der Idomeneo nicht weit weg zu sein scheint. Und definitiv in der zweiten Fassung der abschließenden Huldigungsarie, superb gesungen von der jungen Chiara Skerath und von der Fachliteratur zu Recht als ein Höhepunkt in Mozarts Frühwerk gewürdigt.

Weniger ist manchmal mehr

Unbekanntes von berühmten Meistern neu zu präsentieren ist ein artistischer Sport geworden, eine Art künstlerische Herausforderung, die sehr viele Musiker reizt – Der Versuch, diese Musik so interessant aufzunehmen, dass man ihre Stärken und ihren Charme wahrnimmt.

Die Ensemblemitglieder der "Classical Opera", die sich seit Jahren erfolgreich mit unbekanntem Mozart auseinandersetzen,  sind nicht die Ersten, die den Scipione aufgenommen haben. Aber sie sind vielleicht die ersten, die sogar mich davon überzeugt haben, hier wieder genauer hinzuhören.  Hier ist ein alter Fehler der Mozart-Rezeption vermieden worden:  es genügt nämlich nicht, einfach einen Haufen Weltstars zusammenzukratzen und dann draufloszumusizieren, wie es Leopold Hager in den 70ern versucht hat. Seine Gesamtaufnahme des Scipione ist ein Musterbeispiel gloriosen Scheiterns – Peter Schreier, Lucia Popp, Edita Gruberova stehen in vorderster Front, und trotzdem ist das Ganze so langweilig, dass man sich fragt, ob man seine Lebenszeit nicht amüsanter vergeuden kann.

Diese Truppe hier zeigt, dass mehr dran ist an dem Stück, als Hagers stocksteifer Versuch auch nur annähernd vermuten lässt. Und das alles mit kleinem Etat! Alles was Ian Page hat, sind engagierte Sänger mit guter Stimmausbildung und ein hochambitioniertes Orchester, das Spaß an Mozart hat. Und das reicht nicht nur, es ist die Zauberformel für diese Musik. Page ist ein Dirigent, der hier Tempo reinbringt, der die diese steifen A-B-A Vorzeigestücke so richtig grooven lässt, ohne sich auch nur einen Millimeter vom Seriösen, Erlaubten zu entfernen – so soll es sein. Wenn man sowas überhaupt macht – dann bitte genauso.

Matthias Käther, kulturradio

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