Hector Berlioz: Les Troyens; Montage: rbb
Bild: Warner Classics

CD-Kritik - Hector Berlioz: Les Troyens

Bewertung:

Hector Berlioz' gigantisches Hauptwerk "Die Trojaner" wurde bisher nur selten eingespielt, kein Wunder, die Trojaner gehören zu den aufwändigsten Opern aller Zeiten. Jetzt ist eine Neueinspielung bei Warner erschienen.

Man liest oft, es sei vor allem die Länge, die Opernhäusern Sorgen macht, allerdings ist das ein Mythos: diese Oper ist ungekürzt etwa 4 Stunden lang, und damit hat sie etwa die Länge von Rossinis Tell, Wagners Tristan und Händels Julius Cäsar, alles Repertoireopern, bei denen die schiere Dauer das Werk die Opernhäuser nicht davon abhält, sie aufzuführen. Schwieriger ist es, den Anforderungen an Sängern, Tänzer und vor allem Choristen zu entsprechen; das Orchester ist etwa so groß wie das von Straussens Elektra, der Chor umfasst ca. 300 Personen, man braucht mehr als 10 gute Solisten – es ist ein Ausstattungsstück,  das an Prachtentfaltung sogar die Opern Spontinis und Meyerbeers in den Schatten stellt.

Was den rein quantitativen Aspekt des Werks angeht, kann man mit der neuen Aufnahme mehr als zufrieden  sein. Berlioz' großes Opus magnum wurde hier mit allem Schikanen und in vollem Umfang eingespielt (nicht berücksichtigt wurden nur solche Teile, die Berlioz selbst verworfen  hat),  insgesamt satte vier Stunden Musik. Ganz ungekürzter und besetzungstechnisch uneingeschränkte Trojaner! Das ist natürlich schon eine kleine Sensation.

Meyerbeer auf Speed

Bei allem Jubel sollte man mit Metaphern wie "Jahrhundertaufnahme" aber vorsichtig sein. So respektabel diese Mammuteinspielung ist – es hat Vergleichbares schon gegeben, und das ist nicht der erste Versuch, das Werk komplett aufzuzeichnen.

Dennoch ist die Euphorie in Ansätzen verständlich. Selten waren wir so dicht am Berliozschen Stil. Diese Aufnahme klingt nicht wie Elgar, Wagner oder Strauss, sie klingt wie Meyerbeer auf Speed, und so soll es sein. Und eben sehr französisch! Wir haben ein französisches Orchester, zwei französische Chöre, einen französischen Produktionsort, nämlich Strasbourg. Dieser gallische Touch ist wirklich betörend, und schon allein deswegen wird diese Aufnahme für lange Zeit Kultstatus genießen.

Zwar ist der Dirigent der Aufnahme, John Nelson, Amerikaner, aber auch der wohl beste lebende Kenner dieser Oper unter den Orchesterleitern. Er ist jetzt über 75, hat diese Oper seit den 70ern immer wieder studiert und dirigiert, und wir bekommen hier eine Summe seines Studiums, und die ist überwältigend, grade in den berauschenden Klangfarben des Orchesters.

Exzellente Sänger

Aus der Fülle der Rollen ragen vor allem drei heraus: Kassandra, Äneas und Dido. Alle drei wurden prominent besetzt mit Marie-Nicole Lemieux, Michael Spires und Joyce di Donato.  Man kann bei beiden Damen vielleicht bemängeln, dass sie hier in dieser Produktion zu veristisch klingen, das heißt zuweilen im Überschwang der Emotionen zu modern für Berlioz, zu puccinihaft. Unter diesen Ausbrüchen leidet zuweilen auch die Textverständlichkeit. Aber mir persönlich ist diese Euphorie, die man insgesamt bei allen Beteiligten spürt und die auch auf den Fotos im Booklet dokumentiert wird, lieber als allzu kühle Präzision; ich kann mit diesen kleinen Fehlern leben. Und Michael Spyres ist für mich der beste Aneas, den es je gegeben hat, da reicht für mich nicht mal Gedda ran – schlank, biegsam und stählern wie eine Florettklinge, dabei zupackend und emotional – und auch stilistisch perfekt zwischen lyrischem Tenor und frühem Heldentenortypus der Grand Opera à la Meyerbeer. Das ist eine der besten Leistungen seine Karriere überhaupt. Insgesamt also, trotz kleinerer Abstriche  (zuweilen recht träge Tempi, manche Chorpassagen eher laut als schön) durchaus eine extrem beeindruckende Aufnahme, die sich vor ihren berühmten Vorgängerinnen, etwa der Referenzeinspielung unter der Leitung von Colin Davis nicht verstecken muss.

Matthias Käther, kulturradio

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