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Yasmina Rezas 2006 entstandenes Theaterstück Der Gott des Gemetzels wurde in Paris, London und New York bereits mit so berühmten Schauspielern wie Isabelle Huppert, Ralph Fiennes und Jeff Daniels inszeniert. Roman Polanski hat das hochgelobte Stück nun mit prominenter Besetzung (Kate Winslet, Jodie Foster, Christopher Waltz und John C. Reilly) verfilmt.
Kammerspielkäfig
Im Laufe der Jahre hat sich der polnische Regisseur als Meister klaustrophobischer Zustände bewiesen. So in den engen Wohnungen, in denen die Helden von Ekel oder Der Mieter mit ihren Neurosen ringen, in der abweisenden Burgfestung an der englischen Küste in Wenn Katelbach kommt, in der bedrohlichen Hausgemeinschaft in Rosemary’s Baby, im Ghetto von Der Pianist oder zuletzt im hypermodernen Bunkerbau auf Martha's Vineyard in Ghostwriter. Konsequent macht er jetzt eine am New Yorker Central Park gelegene Wohnung zum Kammerspielkäfig, in dem sich vier Menschen systematisch zerfleischen.
Ausgelöst wird der Krieg durch einen kleinen Streit unter Kindern, an dessen Ende zwei ausgeschlagene Zähne stehen. Die Eltern des Angreifers, Nancy und Allen Cowan finden sich im Haus der Eltern des Opfers, Penelope und Michael Longstreet ein, um den Vorfall zu klären. Doch schon bei einer ersten Bestandsaufnahme wird um die Formulierungen gefeilscht, es dauert nicht lange bis der verbale Schlagabtausch eskaliert. Während sich die Kinder draußen schon längst wieder versöhnt haben, bauschen die Erwachsenen den Vorfall zur Staatsaffäre auf, die gütliche Einigung unter zivilisierten Menschen artet zum Titel gebenden Gemetzel aus.
Die Fronten verlagern sich
In achtzig Minuten entfaltet sich der Streit in Realzeit. Zunächst stehen sich die beiden Paare gegenüber: Auf der einen Seite die von Jodie Foster mit sprödem, verbissenem Ehrgeiz gespielte Buchautorin und Menschenrechtsaktivistin Penelope, und ihr von John C. Reilly gespielter Mann, der bis zur Selbstaufgabe versöhnliche und eher simpel gestrickte Sanitärwarenhändler Michael. Auf der anderen Seite stehen Kate Winslet als routinierte Börsenmaklerin und Christoph Waltz als skrupelloser Anwalt eines korrupten Pharmakonzerns, der sich die brillanten Dialoge des Stücks so tödlich auf der Zunge zergehen lässt, wie in seiner Oscar-Rolle in Inglorious Basterds.
Der Versöhnungswhiskey befeuert die erhitzten Gemüter, bis die brüchige Fassade von Höflichkeit und Takt aufreißt. Bald verlagern sich die Fronten, schwelende Ehekonflikte brechen aus, mit ihren langgehegten Vorwürfen und Lebenslügen. Unter der dünnen Oberfläche der Zivilisation brechen archaische Kräfte hervor.
Grandiose Schauspieler, geschliffene Dialoge
Virtuos entfesselt Roman Polanski eine beißende Satire auf die Dynamik menschlicher Beziehungen, eine hoch spannende und geradezu rasante Actionkomödie, in der grandiose Schauspieler und geschliffene Worte die Spezialeffekte ersetzen. Ein kleiner Vorfall unter Kindern wird zum Prüfstein für die ganze, große Condition humaine.
Anke Sterneborg, kulturradio