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Die Filme der Independent-Regisseurin Kelly Reichhardt sind existentielle Reisen durch Amerika: Auf dem Camping Trip von Old Joy stellten zwei College-Kumpels ihre Freundschaft auf die Probe, und in Wendy und Lucy durchquert eine junge Frau das Land mit ihrem Hund, um in Alaska Arbeit zu suchen. Nach diesen sehr gegenwärtigen Geschichten ist ihr neuer Film Meek’s Cutoff eine Reise in die Vergangenheit, ins Amerika der Pionierzeit Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch statt noch einmal die Kinomythen der Pionierzeit zu beschwören, sucht Kelly Reichhardt die historische Realität.
Kommentar zum modernen Amerika
Entschlossene Helden, dramatische Verfolgungsjagden, actionreiche Schusswechsel und umkämpfte Wagenburgen im Indianergebiet gibt es bei Reichardt nicht. Dafür verlorene Menschen, die mit ihrem Hab und Gut im klapprigen Planwagen über endlose Strecken durch unbekanntes, unwirtliches Gelände reisen. Dabei geht es wie in den früheren Filmen der Regisseurin auch hier darum, wie die Menschen durch Landschaft und Witterungsverhältnisse geprägt werden.
Den Titel Meek’s Cutoff verdankt der Film dem historischen Jonathan Meek, der drei Siedlerfamilien auf einer Abkürzung, einem cutoff, durch das harsche Land führt, die sich allerdings nach fünf Wochen als Umweg erweist. Zusätzlich verstärkt werden Angst und Zweifel, als die Siedler einen Indianer bemerken, der ihnen in der Ferne folgt. Während Meek für seine Ermordung plädiert, fordert einer der Siedler, seine Kenntnisse des Landes für die Suche nach Wasser zu nutzen. Im Kontrast zum üblichen Westernbild ist der Indianer nicht als aggressiver Wilder überzeichnet, sondern mutet ausgesprochen schweigsam, bedacht und weise an. Unterschwellig ist diese historische Geschichte also durchaus ein Kommentar zum modernen Amerika, in dem fremde Kulturen wie der Islam dämonisiert werden, und Angst und Unsicherheit zu einer Spirale der Gewalt führen.
Mit einem goldenen Schimmer überzogen
Obwohl der Film nicht auf Cinemascope, sondern im in den Fünfziger Jahren üblichen Normalformat gedreht ist, kommt die grandiose Landschaft in stimmungsvollen Bildern höchst wirksam zur Geltung: wenn sich der Wagentross in weiter Ferne winzig klein und stumm durch die Steppe bewegt, wenn die Frauen in ihren verstaubten rosa, orangen und grünen Gewändern über ausgedörrte, rissige Erde laufen, wenn die Abendsonne das unwirtliche Land mit einem goldenen Schimmer überzieht oder Wolkenformationen den Himmel dramatisieren. Umso kleiner wirken darin die Menschen, die ihren alltäglichen Verrichtungen nachgehen, wie Getreide mahlen, Brotteig kneten, Feuerholz sammeln oder Reparaturarbeiten an den klapprigen Planwägen ausführen.
Gerade die konzentrierte Ökonomie des Erzählens bewirkt, dass man empfänglich wird für die kleinsten Nuancen des Spiels in den Gesichtern, die von ausladenden Hauben verhangen, vom Bart überwuchert oder in der Dunkelheit verschattet sind. Ein Übriges tun die leisen Geräusche auf der Tonspur, wie das Quietschen eines Rades, das Knistern des Feuers, das Knirschen der Schritte auf sandigem Boden oder die kaum hörbaren Akzente der Musik.
Leise und intensiv
Ganz nebenbei räumt Kelly Reichhardt in ihrem ebenso leisen wie intensiven Pionierwestern mit den Hollywoodphantasien vom Wilden Westen auf. Bei ihr geht es nicht um den Aktionismus der Männer, sondern um die schleichende Machtübernahme zäher, starker Frauen, allen voran Michelle Williams, die zuvor schon in Wendy und Lucy brillierte.
Anke Sterneborg, kulturradio