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Der Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Filmemacher Thomas Brasch starb im Alter von nur 56 Jahren am 3. November 2011 in Berlin an Herz-Lungenversagen. Zum 10. Todestag des Künstlers kommt der Film Brasch – Das Wünschen und das Fürchten in die deutschen Kinos. Regisseur Christoph Rüter erinnert an einen Autor, der Gedichtbände wie Der schöne 27. September und Stücke wie Lovely Rita und Mercedes schrieb, der Filme wie Engel aus Eisen und Domino inszenierte und sich als Übersetzer von Shakespeare und Tschechow einen Namen machte.
Ein eigenes Bild
Der ebenso poetisch wie rätselhaft klingende Titel erschließt sich nicht direkt aus dem Film, der Zuschauer muss ihn sich selbst erklären, aus dem was er sieht und hört und was er vielleicht über Braschs Leben und Werk weiß. Es ist überhaupt ein prägendes Stilmittel und Kennzeichen des Films: dass er dem Zuschauer sehr viel Raum für eigene Fantasien und Schlussfolgerungen lässt, keine Deutungs- und Erklärungsmuster vorgibt.
Jeder muss sich anhand der Film-Sequenzen ein eigenes Bild von Thomas Brasch machen und selbst herausfinden, warum die Begriffe „Wünschen und Fürchten“ zentral waren im Leben von Brasch, sich immer dialektisch bedingten und gegenseitig abstießen: Da ist der Wunsch nach einem freieren Sozialismus in der DDR, aber auch die Furcht, für seine kritischen Äußerungen wieder – wie schon 1968 nach seinen Protesten gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag – ins Gefängnis gesteckt zu werden. Da ist, nach seiner Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik, der Wunsch nach künstlerischer Anerkennung im Westen, aber auch die Furcht, politisch vereinnahmt und als Vorzeige-Dissident herumgereicht zu werden. Da ist der Wunsch nach dem radikalen Kunst-Experiment, nach permanenter Kritik und Aufbegehren, aber auch die Furcht, abhängig zu sein von Fördertöpfen, Preisen und Honoraren – und deshalb seine anarchistischen Utopien verraten zu müssen.
Zwischen diesen Polen – Wunsch und Furcht, Utopie und Angst – hat sich Brasch letztlich aufgerieben und ist immer weiter in die Isolation und in den Tod abgedriftet.
Ein Film "mit" Brasch
Der Film ist ein provokatives, eigenwilliges Film-Puzzle, das sich jeder Zuschauer selbst zu einem stimmigen Bild zusammensetzen muss. Für eine Hommage hätte der Film Stimmen und Bilder von Zeitzeugen und Weggefährten gebraucht, die sich an Brasch positiv und liebevoll erinnern. Doch darauf verzichtet Regisseur Christoph Rüter bewusst. Bei einem Porträt hätte man versucht, ein ganzes Leben und Werk aufzublättern und womöglich chronologisch nachzuerzählen. Auch das macht Christoph Rüter bewusst nicht. Statt einen Film "über" Brasch, macht er einen Film "mit" Brasch.
Der Film besteht zum großen Teil aus Sequenzen, die Brasch selbst von sich und seiner direkten Umgebung mit einer kleinen Handkamera gedreht hat, und aus Material, dass Rüter auf Wunsch von Brasch gedreht hat, wenn die beiden durch Berlin gingen oder in seiner Wohnung miteinander über Politik, Kunst und Literatur sprachen. Rüter hat dieses 27-stündige Film-Material im Nachlass von Brasch gefunden, es radikal gekürzt. Die ausgewählten Bilderfolgen kombiniert er mit Film-Material aus alten Fernseh-Sendungen, Mitschnitten von Theater-Inszenierungen, Ausschnitten aus Braschs Kino-Filmen.
Selten mit sich im Reinen
Anker- oder Fixpunkt der Szenen-Collage sind Gespräche, die Rüter geführt hat, als Brasch schon vom Tode gezeichnet ist und sein Gesicht wie seine eigene Totenmaske aussieht. Die dabei zur Sprache kommenden Themen sind dann jeweils Anlass für weiterführende und kommentierende Bildsequenzen aus dem Brasch-Archiv. Wenn er von seinem Vater erzählt (SED-Parteifunktionär Horst Brasch, der seinen eigenen Sohn an die Stasi verriet und ins Gefängnis werfen ließ), werden Passagen aus alten DDR-TV-Sendungen dazwischen geschnitten, in denen der Vater die Errungenschaften des Sozialismus predigt.
Wenn Brasch von seiner Verstörung erzählt, die er empfand, als er in den Westen übersiedelt war, hier erst als Dissident hofiert und schnell dann als Künstler auch wieder fallen gelassen wurde, dann werden Passagen dazwischen geschnitten, die zeigen, wie Brasch Ende der 1970er Jahre mit Günter Grass über Zensur und Selbstzensur diskutiert. Brasch mit Hollywood-Star Tony Curtis, den er für seinen Film Der Passagier gewinnen konnte; Brasch im Gespräch mit Theater-Zuschauern, die sich über die angeblichen Kraftausdrücke in seinen Stücken beschweren; Brasch an der Seite von Margot Honecker auf der Beisetzung seines Vaters, noch zu DDR-Zeiten. All das und vieles mehr ergibt das widersprüchliche Bild eines Künstlers, der immer auf der Suche nach dem Unsagbaren, Ungehörten und Unbeschreiblichen und selten mit sich im Reinen war.
Allein mit sich und seinen Gedanken
Es gibt überraschende, verstörende, auch erschüttert Bilder. Da ist zum einen dieser geniale Denker und vor der Kamera immer druckreif formulierende Autor. Dann ist da dieser Mensch, der sich selbst immer weiter in die totale Einsamkeit und Selbstzerstörung begibt. Immer wieder beobachtet die Kamera Brasch in seinen riesigen, spärlich möblierten Altbauwohnungen. Aber im ganzen Film gibt es keine Freunde, keine Frauen, keine Kinder. Brasch raucht, trinkt, redet ununterbrochen, aber immer ist er allein mit sich und seinen Gedanken, nur der Papierstapel mit unveröffentlichten Manuskripten und die Gewissheit, dass er bald sterben wird, wird immer größer.
Wenn er zum Schluss, den Tod vor Augen, sagt: "Ich hoffe, dass mich keiner mehr hasst und dass ich nicht mehr hasse, wenn ich nicht mehr bin", dann fühlt man einen großen Schmerz und vermisst diesen rebellischen Querkopf Thomas Brasch sehr.
Frank Dietschreit, kulturradio