J. Edgar mit Leonardo DiCaprio; Fotos: © Warner Bros.

Mi 18.01.2012

Film

"J. Edgar"

Bewertung: annehmbar

Jedes Jahr ein Film, manchmal sogar zwei: Clint Eastwood ist eine der zuverlässigsten Größen des amerikanischen Filmbusiness. Schon mehrmals hat er sich in seinen Filmen als Chronist der amerikanischen Geschichte und Kultur hervorgetan, unter anderem mit den Zwillingsfilmen Flags of Our Fathers und Letters From Iwojima, aber auch mit Bird, einem Biopic des Jazzmusikers Charly Parker. In seinem neuen Film J. Edgar widmet er sich jetzt dem Gründer und langjährigen Leiter des FBI, J. Edgar Hoover.

Kapitel eines Lebens
Formal nähert sich Eastwood diesem Leben in einer Serie von Rückblenden, die Hoover in gewisser Weise selbst initiiert, indem er in den sechziger Jahren anfängt, jungen Agenten des FBI seine Memoiren zu diktieren. Das wird zum Rahmen, in dem der Film verschiedene Kapitel dieses Lebens aufschlägt, von den Anfängen im Justizministerium, als er die bolschewistischen Aufstände niederschlägt, über seine Errungenschaften bei der Verbrechensaufklärung – er hat zum Beispiel forensische Methoden eingeführt und eine bundesweite Fingerabdruckkartei anlegen lassen – bis zu seinem harten Vorgehen, zuerst gegenüber den Kommunisten und dann gegenüber dem organisierten Verbrechen der Depressionszeit.

Neigungen unterdrückt
Aus dem Titel, der ja nur den Vor- und nicht den Nachnamen nennt, erschließt sich schon, dass es um den privaten hinter dem öffentlichen Menschen geht, darum, die Muster seines Handelns zu durchleuchten, aus seinem engen Abhängigkeitsverhältnis zu seiner homophoben Mutter, aus seiner jahrelangen Beziehung zu Helen Gandy (Naomi Watts), die ihm zeitlebens als Sekretärin diente, und vor allem zu seinem Stellvertreter Clyde Tolson, mit dem er nicht nur die Arbeit, sondern auch viele Urlaube teilte. Dabei legt Eastwood diskret nah, dass Hoover seine Neigungen unterdrückt hat, was auch als Erklärungsmodell für seinen zwanghaften Kontrollwahn taugt, mit dem er die Machtstrukturen über viele Präsidenten hinweg, zur Not auch mit erpresserischen Methoden gehalten hat.

Keine persönliche Regung
Die sehr lange Zeitspanne von 1919 bis 1972 und der damit verbundene Alterungsprozess wird bei den Schauspielern mit extremem Make-up überbrückt. Das führt vor allem bei Armie Hammer als Clyde Tolson und auch bei Naomi Watts als Helen Gantry zu auf weiten Strecken eingefrorenen, ausdruckslosen Gesichtszügen. Dagegen gelingt es Leonardo DiCaprio als Hoover auch durch diese dicke Schicht von Latex hindurch beeindruckend ausdrucksvoll zu spielen. In einer schauspielerischen Tour de Force spielt er die unangenehme Ausstrahlung dieses Mannes rückhaltlos aus, mit dem aggressiven Diktum seiner Sprache und verhärteten Gesichtszügen, die keine persönliche Regung verraten.

Eindrucksvolle Geschichtsstunde
Die physische Ähnlichkeit der vielen Berühmtheiten, die Hoovers Wege kreuzten, von Lindbergh, über Dorothy Lamar bis Richard Nixon interessiert Eastwood dabei nur am Rande als Referenzsystem. Auch auf die authentische Rekonstruktion des Zeitklimas verwendet er wenig Mühe. Stattdessen taucht er Hoover in undurchdringlich düstere, fahle Lichtverhältnisse, in denen er seine Gefühle gut verstecken kann. Auch wenn J. Edgar die Brillanz früherer Eastwood-Filme fehlt, ist es doch ein faszinierendes Porträt eines getriebenen, zwanghaften Menschen, eine eindrucksvolle Geschichtsstunde, die Einiges über das Klima der Angst und Paranoia erzählt, die Amerika bis heute prägen.
Anke Sterneborg, kulturradio

Stand vom 18.01.2012

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/film/20120/j__edgar.html

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