"Toni Erdmann" © Komplizen Film

Film - Jahresrückblick Kino

Unsere Film-Kritikerin Anke Sternborg schaut zurück auf das Kinojahr 2016: Was waren Höhepunkte, was waren die Tiefpunkte?

Fast 700 Filme sind in diesem Jahr bei uns angelaufen, allein im Juni waren es 70, das ist eine so große Menge, dass man sie nur dann bewältigen könnte, wenn man jeden Tag zwei Filme anschaut, was selbst ein Filmkritiker nicht schaffen kann.

Starke Filme deutscher Regisseurinnen

Hervorstechend war in diesem Jahr tatsächlich das deutsche Kino, ganz besonders die weiblichen Regisseure, die mit geballter Kraft und sehr starken und eigenwilligen Filmen auftraten, angefangen schon auf der Berlinale mit dem wuchtigen Abtreibungsdrama 24 Wochen (4 K’s) von Anne Zohra Berrached.

Im Frühling folgte Nicolette Krebitz' Wild (4 K’s), eine düster-animalische Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem Wolf  und Maren Ade mit Toni Erdmann (5 K’s), einer zugleich intimen und universellen Familiengeschichte zwischen einem Vater und seiner entfremdeten Tochter, der beeindruckend und berührend auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik, Schmerz und Peinlichkeit balanciert. Dazu noch Maria Schraders Vor der Morgenröte (4 K’s), eine fein austarierte Chronik der Exiljahre von Stefan Zweig.  Das sind allesamt Filme, die bei der Verleihung der deutschen Filmpreise und vielleicht sogar bei den Oscars eine Rolle spielen werden. Dazu noch Karoline Herfurths Spielfilmdebüt SMS für Dich, (4 K’s)  eine wirklich lustige, aber gar nicht alberne, sehr gefühlvolle und durchaus tiefgründige Komödie.

Regisseur Fatih Akin mit den Hauptdarstellern bei der Premiere von "Tschick" in Berlin © imago stock&people
Tschick-Filmpremiere © imago stock&people

Komödien und ein Horrormärchen

Neben dieser geballten Frauenpower konnten auch männliche Regisseure beeindrucken, etwa Fatih Akin mit seiner Herrndorf-Verfilmung Tschick,(4 K’s), die vor allem durch die Besetzung der beiden Jungs besondere Frische und Charme entwickelt hat. Oder auch die Flüchtlings-Komödie Willkommen bei den Hartmanns von Simon Verhoeven, die mit selbstironisch-bissigem Witz offensichtlich einen bundesdeutschen Nerv getroffen hat und inzwischen schon über 3 Millionen Zuschauer ins Kino locken konnte.

Ein persönlicher Favorit war das Horrormärchen Der Nachtmahr (5 K’s) von dem Künstler Akiz: Kino als Rausch, wild und unmittelbar, ein vielschichtiges Spiel mit literarischen Motiven der Romantik und des Surrealismus und zugleich ein Destillat des Lebensgefühls moderner Jugendlicher mit Essstörungen und Abiturängsten.

Hollywood schwächelt

Im Kontrast zu diesem vielschichtigen Kino aus Deutschland schwächelt das Blockbuster-Hollywood mit einer Fülle von Remakes, Sequels, Prequels und Kinoversionen von Fernsehserien. Die innere Leere übertönen die Filme häufig mit rastloser Hektik und knalligen Effekten. Umso schöner, dass sich Denis Villeneuve mit Arrival (4 K’s), einer etwas anderen Science-Fiction-Geschichte über eine Alien-Invasion, die nicht auf militärische Konfrontation setzte, sondern auf eine behutsame Suche nach Kommunikationsmöglichkeiten durch eine Sprachforscherin.

Hinzu kam eine Fülle interessanter Bio Pics, herausragend Danny Boyles Auseinandersetzung mit Steve Jobs, der die schillernde Biografie auf drei Abende reduziert, an denen neue Apple–Produkte eingeführt werden.

"Kubo - Der tapfere Samurai" © imago stock&people
"Kubo" © imago stock&people

Ein herausragender Animationsfilm aus Japan

Im Bereich des Animationsfilms sticht Kubo (5 K’s) hervor. Auf der Suche nach neuen Inspirationen hat sich das erfinderische Stop-Animation-Studio Laika der japanischen Papierfaltkunst Origami zugewandt. Beflügelt von der Fantasie eines kleinen, einäugigen Jungen heben sich da bunte Papierblätter in die Lüfte, falten sich wie von Zauberhand zu komplizierten Figuren, Samurai-Ritter, Drache, Monstren und Fische wirbeln durch die Lüfte, angetrieben vom Erzählrhythmus eines Instruments mit zwei Saiten.

Schöner lässt sich die flüchtige Verbindung zwischen Träumen und Fantasien mit der Wirklichkeit nicht zeigen - in diesem mit Mythen und Geistergeschichten aufgeladenen Coming of Age, das zugleich eine wilde Abenteuergeschichte ist und Kinder und Erwachsene auf unterschiedliche Weise anspricht.

"Mustang" stimmt wehmütig

Zum Schluss noch ein persönlicher Favorit aus dem Rest der weiten Kinowelt jenseits von Deutschland und den USA, Mustang (5 K’s) von der türkischen Regisseurin Denize Gamze Ergüven, deren filmische Sozialisation spürbar in Frankreich erfolgte. Sie erzählt von einem schmerzlichen Coming of Age von fünf  Mädchen, die für einen Moment der Unbeschwertheit am Anfang der Sommerferien teuer bezahlen müssen.

Ein zugleich betörend leichter und herzzerreißend harter Film über die schwierige Situation der Frauen in der patriarchalischen türkischen Gesellschaft, der angesichts der Zustände in der Türkei besonders wehmütig stimmt.

Anke Sterneborg, kulturradio

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