Der die Zeichen liest; © Neue Visionen
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Satire - "Der die Zeichen liest"

Bewertung:

Eine Gesellschaftssatire über die Verlogenheit im Umgang miteinander.

Nach einem Theaterstück des deutschen Regisseurs und Dramaturgen Marius von Mayenburg inszeniert der russische Regisseur Serebrennikov dessen Stück "Märtyrer", das 2012 an der Schaubühne uraufgeführt wurde, und überträgt es nach Russland. Das Thema: religiöser Fanatismus.

Ein "Kreuzzug" gegen die Moderne

Die Geschichte spielt an einer staatlichen Schule in Kalinigrad, heißt: einigermaßen aufgeklärt und liberal. Doch als der Jugendliche Wenja eines schönen Tages beschließt, nicht mehr zum Schwimmunterricht gehen zu können, weil der Anblick halbnackter Mädchen seine religiösen Gefühle verletzt, ist das nur der Anfang.

Denn beim Gespräch mit der Direktorin weiß der Junge sich so stur zu behaupten, dass die Pädagogen ins Grübeln kommen, ob man nicht doch zu freizügig verfahre. Die Konsequenz: Ab sofort tragen die Mädchen statt Bikini Badeanzüge. So beginnt Wenjas Siegeszug, man könnte auch sagen "Kreuzzug", der alle modernen und wissenschaftlich fundierten Denkansätze und Unterrichtsmethoden in Frage stellt, bis sie letztendlich verboten werden.

Der die Zeichen liest; © Neue Visionen
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Die Hauptfigur bleibt ein Konstrukt

Funktionieren kann das nur, weil Religion in gewisser Weise immer unantastbar ist, die angebliche "Verletzung religiöser Gefühle" oft genug ein Totschlagargument.

Hauptfigur Wenja aber bleibt ein Konstrukt. Wir erfahren nicht, wie er zur Religion fand und warum, worin sein eigentliches Problem besteht. Denn bis auf eine Unzahl an Bibelzitaten, die er seinen Mitmenschen entgegenschleudert, aus dem Kontext reißt, als legitimierte Schlachtrufe inszeniert, sagt er wenig bis nichts. (Wer sich fragt, ob das wirklich so in der Bibel steht ... der Regisseur blendet die Quellen immer kurz ein.)

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Der die Zeichen liest; © Neue Visionen | Bild: Neue Visionen

Starke Schauspieler

Allein Wenjas Biologielehrerin lässt sich weder blenden noch bekehren, sie stellt sich gegen ihn. Und sie will ihm helfen, von seinem Wahn befreien. So sucht sie in der Bibel nach Zitaten, die sie ihm entgegensetzen kann, die von Liebe und Vergebung sprechen. Doch man hört sie nicht mehr. Denn da ist der Film schon zur Groteske, die Lehrerin selbst zur Dogmatikerin geworden, während ihr Schüler im Affenkostüm vor ihr sitzt.

Gedreht wie eine Reportage, ohne viele Schnitte, fasziniert die Geschichte durchaus. Auch die Schauspieler sind allesamt stark, wenn auch etwas zu typenhaft besetzt.

Die Geschichte selbst aber ist nicht stringent. Die Figur des Wenja wird nicht greifbar. Seine vorgebliche Religiosität – sie verläppert sich. Irgendwann weiß man gar nicht mehr, warum er etwas tut, wie viel Falschspiel dabei ist. Am ehesten lässt der Film sich noch als Gesellschaftssatire über die Verlogenheit im Umgang miteinander lesen, die Fanatikern jeder Couleur Tür und Tor öffnet.

Christine Deggau, kulturradio