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Berlinale 2017 - "Colo"

Bewertung:

Teresa Villaverdes Film ist ein Abgesang auf den portugiesischen Mittelstand, der unter den neoliberalen Reformen der letzten Jahre leidet.  

Nach und nach machen sich die Zeichen der Krise bemerkbar: Erst fehlt nur das Geld für die Busfahrkarte oder das Feierabendbier, dann geht das Licht aus, weil die Stromrechnung seit Monaten nicht bezahlt wurde und am Ende bleibt nur der Umzug zur Großmutter aufs Land. Mit diesen äußeren Manifestationen des Niedergangs geht ein schleichender innerer Verfall einher: Die Familienmitglieder reden kaum noch miteinander, ständig ist einer der drei irgendwo verschwunden – und irgendwann ist klar: So kann es nicht weitergehen – der scheinbar so feste Kern dieser Familie fällt mehr und mehr auseinander.

Stille Melancholie

Teresa Villaverde ist eine der bekanntesten Regisseurinnen Portugals. Dreimal war sie bereits für einen Golden Globe nominiert, ihre Filme laufen regelmäßig auf den großen internationalen Festivals. Sie liebt die vorsichtige, tastende Beobachtung: Die Dialoge sind knapp, es gibt kaum Schnitte – und die Bilder sind fast immer aus der Totalen oder aus der Halbtotalen aufgenommen. Ihre Figuren bleiben auf Distanz. Das ist zwar ästhetisch durchaus reizvoll, macht die Geschichte aber auf die Dauer von 2 Stunden auch ein wenig zäh. Man sollte ja eigentlich meinen, in einer Familie wird auch mal Tacheles geredet, bevor sie auseinanderbricht. Hier jedoch geht einfach alles ganz langsam vor die Hunde – getragen und mit einer stillen Melancholie.

Klare Position

 "Colo" ist ein Abgesang auf den portugiesischen Mittelstand, der unter den neoliberalen Reformen der letzten Jahre leidet. Doch Villaverde bezieht keine klare Position, benennt auch keine Verantwortlichen: Wenn es überhaupt eine Hoffnung gibt, kommt die am ehesten aus den Menschen selbst, das ist die Botschaft dieses Films. Ob der Film seine Protagonisten allerdings in eine hoffnungsvolle oder eine düstere Zukunft entlässt, das bleibt am Ende offen.

Carsten Beyer, kulturradio

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