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Berlinale 2017 - "Django"

Bewertung:

Der Film thematisiert die Rolle der Kunst und des Künstlers in schlechten Zeiten, bleibt dabei aber weitgehend an der Oberfläche. Ein schöner, aber kein grandioser Auftakt für den Wettbewerb.

Der berühmte Jazz-Musiker Django Reinhardt gilt als Erfinder des Gitarren-Solos, er hat mit Duke Ellington gespielt und zahllose Rock- Jazz- und Blues- Musiker beeinflusst. Jimmy Hendrix hat er zu dem Hommage-Album "Band of Gypsies" inspiriert und Sergio Corbucci hat seinen Italo-Western-Helden "Django" nach ihm benannt. Keine Verwechslung also mit gleichnamigen Film, mit dem gestern die 67ste Berlinale im Berlinale Palast feierlich eröffnet wurde. In seinem Regiedebüt folgt der französische Drehbuchautor Etienne Colmar nicht der Lebenschronologie von Django Reinhard, stattdessen greift er einen kleinen Ausschnitt heraus, in einem Bogen von 1943 in Paris, über die Flucht in die Schweiz bis zu einem Befreiungskonzert im Mai 1945.

Frenetisch gefeiert

In Paris wird der Musiker frenetisch gefeiert, auch die deutschen Besatzungs-Offiziere kommen begeistert in seine Konzerte, feinden ihn zugleich aber wegen seiner unüberhörbaren Wurzeln in der Kultur der Sinti und Roma an. Der Film etabliert die Stimmung  existenzieller Bedrohung in den Wäldern der Ardennen, um dann einen Django Reinhard zu zeigen, der die Gefahren, vor denen seine Gefährten immer dringlicher warnen, nicht wahrhaben will. Wie so viele andere Künstler will er einfach nur Musik machen, ist im Grunde sogar bereit in Deutschland in riesigen Konzertsälen für die Nazis zu spielen. Während er noch halbherzig mitspielt, wird die Flucht zusammen mit seiner Frau, seiner Mutter und Freunden in die Schweiz vorbereitet.

An der Oberfläche

Als Eröffnungsfilm schlägt "Django" den bereits von Dieter Kosslik angekündigten stark politischen Ton dieses Jahrgangs an. Mit dieser Geschichte aus der Zeit des Nationalsozialismus trifft Étienne Comar den Nerv der politisch angespannten Weltlage, auf die auch alle Redner der Eröffnungsgala mehr oder weniger deutlich anspielten. Der Film thematisiert die Rolle der Kunst und des Künstlers in schlechten Zeiten, die Kompromisse, die er eingehen muss, den Punkt an dem er seine Seele verkauft,  bleibt dabei aber weitgehend an der Oberfläche.

Schön aber nicht grandios

Django Reinhard wirkt nie wie jemand, der bewusste Entscheidungen trifft, sondern wie jemand, der sich von Zeitstimmungen und Freunden intuitiv treiben lässt. Dem schweren Thema zum Trotz verbreitet der ebenso lebensfrohe wie melancholische Gypsy-Swing der Musik einen mitreißenden Drive.  Und wenn sich bei einer abendlichen Tanzveranstaltung selbst die Nazi-Offiziere dem Drive des Rhythmus nicht widersetzen können, dann ist das ein schönes Bild für die subversive Kraft der Kunst. Darüberhinaus fehlt dem Film, der allzu plakativ für die dunklen Zeiten weitgehend in schummriges Dunkel getaucht ist, echtes erzählerisches Feuer.

Viele Rollen wurden nicht von Schauspielern, sondern von Musikern übernommen, neben Reta Kateb als "Django"/gerade auch in Wim Wenders Handke- Verfilmung "Die schönen Tage von Aranjuez" zu sehen) bleibt es einzig an Cécile de France als Französin, die zwischen die Fronten gerät,  Glamour zu verströmen. Insgesamt also ein schöner, aber kein grandioser Auftakt für den Wettbewerb.

Anke Sterneborg, kulturradio

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