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Berlinale 2017 - "The Dinner"

Bewertung:

In vielschichtiger und aufwühlender Weise lotet der Film die Condition Humaine aus, Sätze über Krieg und Politik werden auf menschliches Zusammenleben übertragen.

2009 wurde Oren Moverman auf der Berlinale für das Drehbuch seines Films "The Messenger – Die letzte Nachricht" mit dem silbernen Bären ausgezeichnet. Damals ging es um zwei Irakkriegsveteranen, die zuhause den Familien der gefallenen Soldaten die Todesnachricht überbringen mussten. Um kriegerische Auseinandersetzungen geht es auch in "The Dinner", allerdings auf dem familiären Schlachtfeld.  

Spannungen zwischen Politik und Privatem

Wie Fremdkörper mischen sich schon im Vorspann unter erlesen fotografierte, kulinarische Köstlichkeiten irritierende Bilder, ein Basketball, der durch die Luft fliegt, ein Friedhof mit grauen Grabsteinen. Auch in den Vorbereitungen eines Paares (Steve Coogan und Laura Linney) fürs abendliche Ausgehen schwingen Unstimmigkeiten mit. Zum Abendessen im exklusiven Gourmetrestaurant bringt sein Bruder (Richard Gere), der gerade mitten im Wahlkampf für einen Gouverneursposten steckt, Spannungen zwischen Politik und Privatem mit, die sich durch den ganzen Abend ziehen.

Raffiniert werden viele Fährten ausgelegt und im weiteren Verlauf vielschichtig verknüpft. Beiläufige Bemerkungen offenbaren gärende Probleme in einem Familiengeflecht voller Verletzungen und Enttäuschungen, ein tief sitzender Bruderzwist, eine wohl überwundene Krebserkrankung, psychische Störungen, Probleme mit schwierigen Teenagern, vieles wird angedeutet, verdrängt und schöngeredet.

Ein dramatisches Ereignis und taktierende Eltern

Großartige Schauspieler (neben den genannten noch Rebecca Hall als junge verwöhnte Frau des Politikers) bringen die geschliffenen Dialoge zum Schillern. Inhaltlich und visuell wird das Kammerspiel mit zwei Paaren und vielen Kellnern durch viel Bewegung zwischen innen und außen, und verschiedene Räumen aufgebrochen, aber auch durch eine Fülle von Rückblenden in die Vergangenheit der Paare und Puzzlestücke von einem dramatischen Ereignis der jüngsten Vergangenheit.

Die Teenagerkinder haben eine furchtbare Schuld auf sich geladen, die der Katalysator der Ereignisse ist, wobei die Reaktionen der taktierenden Eltern zum Teil grausamer wirken, als die eigentliche Tat. In vielschichtiger und aufwühlender Weise lotet der Film die Condition Humaine aus, Sätze über Krieg und Politik werden auf menschliches Zusammenleben übertragen, es geht um den Preis, den man für Erfolg, Macht, Reichtum und Harmonie zu bezahlen bereit ist.

Anke Sterneborg, kulturradio

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