Una und Ray: Die junge Una (Ruby Stokes); © Weltkino Filmverleih
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Die junge Una (Ruby Stokes); © Weltkino Filmverleih | Bild: Weltkino Download (mp3, 4 MB)

Drama - "Una und Ray"

Bewertung:

Was passiert eigentlich mit den Opfern von Kindesmissbrauch? Während sich die Presse auf die Täter stürzt, bleibt das Schicksal der Opfer meist im Dunkeln – anders in "Una und Ray".

2005 hat der schottische Theaterautor David Harrower den Spieß in seinem Stück "Blackbird" umgedreht, 15 Jahre nach der Tat konfrontiert die junge Frau den Täter von einst. Auf dem Edinburgh Festival hat Peter Stein das Stück 2006 inszeniert, jetzt hat der renommierte australische Theaterregisseur Benedict Andrews daraus sein Filmdebüt gemacht, "Una und Ray", prominent besetzt mit Rooney Mara und Ben Mendelsohn.

Die Opferrolle ablegen

An das heikle Thema nähert sich Andrews mit gewagter Vieldeutigkeit an, die dem Zuschauer klare Urteile und eindeutige Sympathien verweigert. In den ersten Bildern zieht ein für ihr junges Alter erstaunlich ernstes Mädchen die Blicke auf sich. Nach einem harten Zeitsprung von 15 Jahren ist aus dem Mädchen eine junge Frau geworden, die noch mit ihrer Mutter lebt, gerade aber einen Entschluss gefasst hat, den sie ihr verheimlicht.

Zunächst liegt die Vermutung nahe, dass sie ihren in Ungnade gefallenen Vater besuchen könnte, womöglich im Gefängnis? Aber der Gebäudekomplex, zu dem sie fährt, ist eine Fabrik und der Mann, den sie sucht, lebt unter neuem Namen nicht mehr als Ray, sondern als Peter und ist alles andere als erfreut, sie zu sehen.

Zwischen den beiden beginnt ein perfides Katz- und Maus Spiel, in dem die Ereignisse der Vergangenheit, vor allem aber ihre Auswirkungen auf beider Leben ausgelotet werden. Klare Schuldzuweisungen vermeidet der Film auf mutige Weise und hält stattdessen die feine Balance des Ambivalenten.

Vor allem geht es darum, dass diese junge Frau die verwirrenden Erinnerungen aus ihrer Kindheit sortieren will, um wieder Kontrolle über ihr eigenes Leben zu gewinnen. Sie will die Opferrolle ablegen und sich einen Weg durch den Strudel der Gefühle von Liebe, Scham, Angst und Verlorenheit bahnen, der im großen Wirbel von Elternsorge, Presseaufgeregtheit, Schuldzuweisungen vor Gericht und in der Nachbarschaft entstanden ist.

Una und Ray: Una (Rooney Mara) und Ray (Ben Mendelsohn) verbindet eine dunkle Vergangenheit; © Weltkino Filmverleih
Una (Rooney Mara) und Ray (Ben Mendelsohn) verbindet eine dunkle Vergangenheit; © Weltkino Filmverleih | Bild: Weltkino

Furchterregende Kälte

Verkörpert wird Una von Rooney Mara, die schon häufig solche Frauen gespielt hat, die ihre Zerbrechlichkeit unter einer sehr harten, unnachgiebigen Fassade maskieren, zum Beispiel in der Millennium-Trilogie als Mädchen mit dem Drachen-Tattoo. Auch hier trägt sie eine manchmal furchterregende und verstörende Kälte und Berechnung an den Tag, manipulativ und verletzend bringt sie den Mann in der Arbeit vor seinen Angestellten, zuhause vor seiner neuen Frau, seiner Stieftochter und Partygästen in beträchtliche Bedrängnis.

Auch Ben Mendelsohn als Ray spielt die Widersprüchlichkeit der Situation zwischen Vaterfigur und Verführer, Opfer und Täter aus.

In seinem Kinodebüt gelingt es dem Theaterregisseur Benedict Andrews, die Enge des Theaterraums in filmisches Terrain zu verwandeln, in dem Rays Arbeitsplatz mit labyrinthischen Lagerhallen, Konferenzräumen und Kantinen mit makellos weißen Wänden und perfekt sortierten Regalreihen einen schmerzlichen Kontrast zur psychischen Unordnung der Figuren bildet.

Auf ebenso ergreifende wie bestürzende Weise erforscht der Film das Tabuthema sexueller Missbrauch Minderjähriger aus der Perspektive einer erwachsenen Frau, die ihre Verwundungen mit eiskalter Berechnung kaschiert.

Anke Sterneborg, kulturradio

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