"Der Nobelpreisträger"; © Cine Global
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Spielfilm - "Der Nobelpreisträger"

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Gastón Duprat und Mariano Cohn hinterfragen auf ebenso amüsante wie abgründige Weise die Mechanismen des Kulturbetriebes.

Preise können tückisch sein: Einerseits sind sie eine willkommene Anerkennung für die Anstrengungen der Arbeit. Andererseits kann es aber auch sehr lähmend wirken, wenn man die höchstmögliche Auszeichnung, die auf dem eigenen Feld zu erringen ist, bereits bekommen hat. Warum überhaupt noch anstrengen? Von diesem Dilemma erzählen jetzt die beiden Argentinier Gastón Duprat und Mariano Cohn in ihrem Film "Der Nobelpreisträger", der im Original "El Ciudadano illustre" heißt, übersetzt "Der angesehene Bürger".

Rückkehr in die Heimat

Bereits in der Dankesrede des Nobelpreisträgers (Oscar Martinez) schwingt der Vorwurf mit: Sicher, man fühle sich geschmeichelt, aber auch irgendwie pensioniert. Fünf Jahre später sitzt er in seiner luxuriösen Designer-Villa in Spanien und weist illustre Einladungen in die weite Welt ab. Nur eine einzige weckt sein Interesse, die aus seinem argentinischen Heimatdorf, das er vor 40 Jahren verlassen hat. Er sagt zu, und wie in vielen Büchern und Filmen erweist sich die Rückkehr in die Heimat bald als vermintes Gelände im Gestrüpp von Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Erwartungen, Nostalgie und Verdrängung.

"Der Nobelpreisträger"; © Cine Global
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Ein riesiger Graben

Schon die Anfahrt vom Flughafen bringt Komplikationen, das klapprige Auto bleibt mitten in der Landschaft liegen, da niemand zu erreichen ist, müssen Fahrer und Gast auf dem Acker übernachten. Der Schriftsteller, den Oscar Martinez zwischen jovialer Nähe und feiner Arroganz ausbalanciert, nimmt es gelassen.

Trotzdem ist der riesige Graben zu spüren, der zwischen der ärmlichen Enge der argentinischen Provinz und dem weltberühmten Kosmopoliten aus den europäischen Metropolen aufreißt. Zunächst wird er geradezu euphorisch gefeiert, er soll Ehrenbekundungen im Rathaus entgegennehmen, Lesungen im Gemeindesaal halten und als Juror einer lokalen Kunstausstellung sein Urteil abgeben, nur um die Be- und Verurteilten mit seinem ungnädigen Urteil zu düpieren.

Persönliche Abrechnungen und öffentliche Vereinnahmung

So schlägt die Stimmung bald um, immer stärker wird der gefeierte Literat vereinnahmt, die Bürger sind stolz darauf, sich in seinen Büchern wiederzufinden, leiten daraus aber auch immer anmaßendere Rechte und Forderungen ab. Bald schlägt die übergriffige Euphorie in wachsende Feindseligkeit um, die Absurdität der Begegnungen nimmt zunehmend bedrohlichere Züge an. Persönliche Abrechnungen und öffentliche Vereinnahmung sind nicht mehr voneinander zu trennen.

Dabei variiert der Film Motive aus Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" und Dürrenmatts "Besuch der alten Dame". Auf ebenso amüsante wie abgründige Weise hinterfragen Gastón Duprat und Mariano Cohn die Mechanismen des Kulturbetriebes.

Anke Sterneborg, kulturradio

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