Dorade auf Eis (c) dpa

Fr 23.09.2011

Geschmackssache

"Balikci Ergun"

Ende des Sommers findet man auf den Supermarktregalen verstärkt Lebensmittel, die die  Kunden noch an den Geschmack des Urlaubs im Süden erinnern sollen: Oliven, Schafskäse, Tzatziki, Taramasalata und sogar Retsina, den geharzten griechischen Wein, der eigentlich nur vor Ort schmeckt – wenn überhaupt. Es gibt in Berlin durchaus auch Restaurants, die sich eignen, ein bisschen Urlaubsstimmung aufkommen zu lassen,  selbst wenn sie nicht am Wasser liegen. Das "Balikci Ergun" befindet sich in Berlin-Moabit, unter einem S-Bahn-Bogen zwischen Bahnhof Bellevue und dem Hauptbahnhof.

Mittelmeerstimmung unter dem S-Bahn-Bogen
Von der Terrasse schaut man  leider nicht auf den Nordufer der Spree, sondern auf die sog. ‚Abgeordnetenschlange’, eine etwas sterile Neubau-Siedlung, die für die Bediensteten des Bundes gebaut wurde. Ansonsten sieht das kleine Fischrestaurant tatsächlich so aus, als könnte es an einem türkischen Strand stehen. Der Name „Erguns Fischbude", der auf einem Schild zu lesen ist, ist jedenfalls nicht untertrieben. Man kommt durch die Lüneburger Strasse durch eine sehr wackelige Plastiktür in den Laden, und durch einen dunklen Winkelgang gelangt man in einen rustikal eingerichteten Raum, der mit lauter Fischernetzen behangen ist. Nicht nur: An der gesamten Decke hängen alte, vergilbte Postkarten, Zettel und Briefe, die wohl von Kunden, Bekannten und Verwandten im Laufe der Jahre geschickt wurden! Diese ungewöhnliche, witzige Kulisse und die Tatsache, dass der Besitzer früher in der Türkei ein bekannter Fußballspieler gewesen sein soll - darüber hängen viele Fotos an den Wänden -, haben aus dem „Balikci Ergun" im Laufe der Jahre ein Kult-Lokal gemacht.

Schlichte Fischgerichte ohne Firlefanz 
Das Restaurant ist zugleich auch eine Fischhandlung; Verkauft wird seit Jahren auch ambulant an Berliner Märkten, z.B. am Maybachufer in Kreuzberg. Zum Essen gibt es vor allem Mittelmeerfisch, z.B. Dorade und Wolfsbarsch vom Grill, Miesmuscheln, gebratene Tintenfische und Sardinen, alles schlicht zubereitet, mit viel Zitrone, gemischtem Salat, eingelegtem Gemüse und knusprig warmem Pita-Brot serviert. Gericht des Tages waren an dem Tag, als ich dort war, gegrillte Rotbarben. Der Wirt hat sie sehr empfohlen und dabei gesagt, dass man sie gar nicht zu zahlen brauche, wenn sie nicht schmecken. Sie waren tatsächlich etwas zu trocken geraten, aber trotzdem gut genug, dass man sie nicht beanstanden musste. Ich hatte gebratene Sardellen (türkisch: "Hamsi"): davon bin ich absoluter Fan. Sie waren auch nicht ganz auf der Höhe der Erwartungen: nicht wirklich schmackhaft, aber wenigstens sehr gut frittiert, also überhaupt nicht schwer und fettig.

Kinderteller mit Kniff
Das Beste waren kurioserweise die Pommes, die meine Tochter samt Fischstäbchen als ‚Kinderteller’ bestellt hatte. Es waren nicht die, die man sonst bekommt, sondern handgeschnitzte Kartoffeln, in der Pfanne gebraten, wie man früher gemacht hat. Sie waren exzellent und haben mich an die meiner Mutter erinnert. Und die Fischstäbchen waren auch nicht aus dem Tiefkühl, sondern handgeschnittene und handpanierte Fischfilets. Beides waren Wohl ein Weg, um Kinder zu locken, aber ihnen statt 0-8-15-Industrieprodukte echten Fisch aufzutischen. Überhaupt ist die Stimmung im Lokal sehr familiär, warmherzig und freundlich. Schon deswegen ist das "Balikci Ergun" einen Besuch wert, selbst wenn die Sympathie der Betreiber und das originelle ‚Interieur’ länger in Erinnerung bleiben als der Geschmack der Gerichte.
Elisabetta Gaddoni, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/geschmackssache/2011/_balikci_ergun_.html

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