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Wohnzimmerrestaurants, in denen der Chef selbst kocht, sich zwischen Tresen und Küche teilt und nebenbei auch noch die Gäste unterhält, gibt es nicht allzu viele. Eins davon liegt im Tempelhof, in der Friedrich-Wilhelm-Strasse, einer ruhigen Seitenstrasse des Tempelhofer Damms. Bruno, ein quirliger Mann Mitte fünfzig, führt das Lokal an diesem Standort schon seit 30 Jahren. Ab und zu hilft ihm in der Küche eine Köchin, eine Dame aus Neapel, aber an dem Abend, als ich dort war, musste Bruno allein kochen und bedienen.
Wein aus Leidenschaft
Er stammt aus dem Veneto, der "trinkfreudigsten" Region in Italien, bekannt für die guten Weine und die Grappa. Wein ist auch seine größte Leidenschaft, nicht umsonst steht draußen an der Eingangstür ein Schild mit dem Motto "In vino veritas". Auch hängen überall an den Wänden Bilder und Fotos zum Thema. Er sagte, er habe Land in Italien gepachtet und jeden Spätsommer fahre er dahin, um die Weinlese selber zu machen. Den Wein verkauft er im Laden auch flaschenweise. Probiert haben wir einen Weißwein aus dem Trentino, den er spielerisch "Bianco Bruno" nennt: wortwörtlich heißt er ‚dunkler Weisser’... Dieser wird mit der "Nosiola" hergestellt, einer Rebsorte, die auch verwendet wird, um Vin Santo zu erzeugen, wenn man die ohnehin spätreifenden Trauben an der Luft trocknen lässt. Der Wein war sehr ansprechend, gut gekühlt, fruchtig aber trocken und mit einem leicht bitteren Nachgeschmack.
Die Speisekarte im Kopf
"Da Bruno" ist eins jener Lokale, in denen es keine Speisekarte gibt. Die Gerichte des Tages weiß der Chef auswendig und das Angebot richtet sich nach dem, was er an dem Tag beim Einkaufen gefunden hat. Die Preise sieht man auch nicht: Man muss ihn fragen oder ihm vertrauen, dass er seine Kunden wohl nicht reinlegen wird. An dem Abend gab es Fischvorspeisen und -gerichte (frittierte kleine Fische, Rotbarbenfilets, Seeteufel, Steinbutt), verschiedene Pastasorten, z.B. mit Vongole, Wildragout oder "alla Pugliese", mit frischer Salsiccia, Perlhuhn mit Salbei, Kalbssteak sowie auch für Berlin ungewöhnliche Gerichte wie gefüllte Taube und Pferdesteak! Die Taube war mit der Taubenleber gefüllt, dazu etwas Kaninchenleber, weil die von der Taube zu klein ist. Das Taubenfleisch war sehr weich und schmackhaft, die Füllung war angenehm bitter und gut gepfeffert. Dazu gab es grüne Bohnen mit Lardo und etwas Mangold.
Liebevoll aber geschmacksarm
Meine Begleiterin hatte gefüllte Calamari in Tomatensauce. Sie waren weich aber etwas blass im Geschmack. Da hätte man vielleicht etwas mehr würzen sollen, zumal der Fisch nicht so viel Eigengeschmack hatte. Wenn die neapoletanische Köchin da gewesen wäre, hätte sie bestimmt kräftig zu Chili, Knoblauch und Petersilie gegriffen! So war das Gericht einfach etwas fade. Die Preise waren nicht so niedrig, aber letztendlich angemessen, denn es handelte sich nicht um Schnellküche: Das waren beides Gerichte, die eine längere Zubereitung verlangen. Das Essen ist sicher unterhalb der Erwartungen, die man an so einem Ort mit authentischer Atmosphäre legen würde, aber das Lokal ist klein und intim und man wird vom Wirt sehr persönlich betreut. Also der Sympathiefaktor spricht dafür, so wie auch der Wein!
Elisabetta Gaddoni, kulturradio