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Was ist das überhaupt: die Landhausküche? Das Wort begegnet einem
immer wieder, als handele es sich im ein erfolgreiches Magazin mit
vielen bunten Bildern aus einer noch bunteren Welt. Doch darum scheint
es nicht zu gehen. Auch der Gegensatz – Stadthausküche – führt zu
nichts, weil er schlicht nicht existiert. Womöglich handelt es sich
bloß um ein Etikett, das die rustikale Küche aufwerten möchte –
schließlich steckt weit hinten im Wort Landhausküche ja auch etwas
Gutsherrenhaftiges.
Inhaber Torsten Lojewski, der schon im Sternerestaurant "VAU" und auf
dem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hat, fühlt sich auch nicht wohl mit
dem Begriff, der häufig auf sein mit Gusto eingerichtetes Restaurant
im Schulhaus von 1813 gemünzt wird. Für ihn ist das Angebot der "Alten
Schule" kurz vor Bad Saarow typisch für einen Landstrich, der von
regionalen Zulieferern profitiert, ohne dabei der Großstadtküche
Konkurrenz machen zu wollen. Die Vorteile ergeben sich quasi von
selbst – aus der Lage und der Nähe zu den Produkten, hier verarbeitet
werden. Das alles klingt bescheiden und verheißt keine große Aufregung.
Wenn nicht Marco Giedow wäre. Der Mann am Herd wurde kürzlich zum
Brandenburger Meisterkoch 2011 erklärt und hat einiges getan dafür,
dass er diesen begehrten Titel, den eine Fachjury im Auftrag von
Partner für Berlin alljährlich vergibt. Anhand eines Menüs erfährt der
Gast, mit welcher hohen Berechtigung Giedow sich die Ehrung verdient
hat. Nicht nur, dass die Zutaten hohen Ansprüchen genügen, spricht für
ihn, sondern ganz besonders ihre intelligente Verarbeitung (die sich
übrigens in jeder großen Stadt sehen lassen könnte). Giedow liebt es,
mindestens drei, zumeist aber vier bis fünf klar formulierte,
technisch brillant zubereitete Elemente zu einer Art Symbiose zusammen
zu fügen. Im Fall der Kürbissuppe sind das eine Wildschweinbulette in
der körnig-geschlossenen Konsistenz von Couscous, aber mit viel
animalischem Aroma, Kürbiskernöl (das wohl sein muss, obwohl es mit
Kürbisfleisch geschmacklich nichts zu tun hat) und einem Kaffeeschaum,
dessen Parfum und Röstnoten das in Hühnerbrühe pürierte Mus erst
wirklich präsent werden lässt. Beim gebratenen Kabeljau, der ganz
naturbelassen ist, sind es ein Kartoffel-Lauch-Stampf, ein gut
gebuttertes Champignon-Tartar, gedämpfter Kohlrabi, ein wachsweiches
Ei sowie eine mit Nussbutter aufgeschlagene Hollandaise, die
Unzertrennlichkeit nicht nur zu mimen scheinen.
Vom Kalb bereitet der Meisterkoch Tafelspitz und Zunge als länger
gegarte Stücke, bevor er das Filet brät und ein mildes Bries, das
zuvor in eine Hülle aus Kräutern gesteckt wird. Topinambur, in
Herstellungstechnik und Form dem Baumkuchen verpflichtet, frisch
gekochtes Rübengemüse und eine nicht zu laute Hagebuttensauce fügen
sich so geschmeidig dazu, dass man den Teller für die Verwirklichung
eines alterprobten Rezepts hält. Es entstammt aber dem Konzept von
Giedow, der genauso schlüssig vorgeht, wenn es sich um Gänsebraten mit
Kartoffelnklößen, Grünkohl und confiertem Rotkohl handelt, Kräuterhuhn
mit Zitronenmarmelade oder aber um Wels mit Kapernmayonnaise und süß-
saure Beten. Nur beim Dessert verlassen sie ihn – die guten Geister.
Beim geschmorten Herbstapfel mit Süßholzcreme, Kakaoknusper und
Zitronenthymianeis finden die Komponenten nicht zusammen. Womöglich
liegt genau darin das Risiko, wenn viele, deutlich definierte
Komponenten sich auf einem Teller vertragen. Nachsitzen muss Giedow
deshalb noch lange nicht.
Thomas Platt, kulturradio